Berliner Wirtschaft : Las Vegas oder Washington

Es sieht gut aus für Berlin: Das Image der Stadt im Ausland ist gestiegen - und damit auch die Attraktivität für Wirtschaftsunternehmen. Nun braucht die Bundeshauptstadt nur noch eines: ein wirtschaftspolitisches Leitbild.

Alfons Frese,Daniel Rhee-Piening
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Herausragender Standort. Berlin hat trotz allem einiges vorzuweisen. Dazu gehören die Medizintechnik, die Kreativwirtschaft, die...

Der Wirtschaftssenator meinte nicht das überzeugende Auftreten der deutschen Nationalelf als er am Donnerstagabend in einer Rede den Stand der Dinge referierte. „Die Stimmung kippt, und zwar ins Positive, das ist eindeutig wahrnehmbar.“ Harald Wolf meint die Berliner Wirtschaft. Und René Gurka, als Chef der Berlin Partner oberster Akquisiteur der Stadt, legt noch einen drauf. „Image und Attraktivität Berlins im Ausland sind unglaublich gestiegen. Diesen Vorteil gilt es nun für die Wirtschaft zu nutzen.“

Nicht nur diese beiden Berufsoptimisten sind guter Dinge. IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder und der Berliner IG Metall-Chef Arno Hager erfreut die Entwicklung der Industrie, deren Aufwärtstendenz „absolut ungebrochen“ (Eder) sei, und wo „vieles gut aussieht“ (Hager). Inzwischen. Seit Anfang der 90er Jahre hat die Stadt rund 100 000 und damit die Hälfte ihrer Industriearbeitsplätze verloren, und noch immer gibt es Werksschließungen. Wie vor ein paar Tagen in Wilmersdorf die Zigarettenfabrik von Reemtsma mit 420 Arbeitsplätzen. Dennoch: „Die Berliner Industrie ist nicht länger das Stiefkind, sondern leistet einen positiven Beitrag zu Wachstum und Beschäftigung“, sagt Wolf. Und Gurka spricht von „starken Wachstumsimpulsen von den hier ansässigen Unternehmen“. Doch der Aufbau einer wirklich starken Struktur braucht Zeit. Als Beispiel für den Strukturwandel nennt Wolf das ehemalige AEG-Werk in der Brunnenstraße, wo einmal 4000 Personen arbeiteten. Heute hat der dort angesiedelte Innovations- und Gründerpark 2200 Beschäftigte – gut 25 Jahre nach der Schließung des AEG-Werks.

Das Zaubermittel, dass alle mit Wirtschaft befassten Personen spätestens im zweiten Satz erwähnen: Innovationen. Der IG Metaller Hager arbeitet seit Jahren an einem Innovationsnetzwerk, um Kooperationen zwischen Firmen und Wissenschaftseinrichtungen in Gang zu setzen. Die Unternehmensverbände habe in diesen Tagen erstmals im Internet einen „Innovationsmarkt“ für Betriebe der Ernährungsindustrie und entsprechende Wissenschaftseinrichtungen freigeschaltet. Im Herbst gibt es eine große Innovationskonferenz in Adlershof. Alles in allem soll die überaus profilierte Hochschul- und Forschungslandschaft stärker genutzt werden für Firmen und Arbeitsplätze.

Fast 40 000 neue Unternehmen gingen im vergangenen Jahr in Berlin erstmals auf den Markt. Zwar gaben im gleichen Zeitraum auch 28 000 Jungfirmen auf. Doch unterm Strich blieb ein Saldo von rund 11 000. Am kommenden Mittwoch stellen Kammern und Politik ein „StarterCenter Berlin“ vor, das den Anfängern helfen soll, sich im Förder- und Behördendschungel zurechtzufinden. Zuletzt stammten mehr als 22 Prozent der Unternehmensgründer aus dem Handel, 8,5 Prozent aus dem Gastgewerbe. Den größten Anteil aber hatte der Bereich Dienstleistungen für Unternehmen mit fast 29 Prozent. Doch wer fragt diese Dienstleistungen nach? „Sollen wir uns alle gegenseitig die Haare schneiden“, hat Senator Wolf einmal gefragt. Es gibt zu wenige Unternehmen in der Stadt. Und vor allem: Zu wenige große Unternehmen.

Seit der WM 2006 gewinnt die Vorstellung eines Clusters zwischen „Bildungslabor“ und „Vergnügungsort“ an Bedeutung. Der Architekt Hans Kohlhoff spricht vom Leitbild „Las Vegas“. Dem gegenüber steht das Modell „Washington“: Berlin als Regierungssitz eines wohlhabenden Landes, mit Massentourismus im Zentrum und einer großen Armutsbevölkerung in den Randbezirken. „Gelingt es nicht, den in der Stadt vorhandenen Kreativpool wirtschaftlich zu nutzen, erhält das Negativszenario Auftrieb“, sagt der Stadtplaner Tomas Wald. Die Kreativbranche beschäftigt mittlerweile mehr Personen als die gesamte Industrie und wächst in Berlin schneller als in allen anderen deutschen Großstädten, hat Wald in einer Studie für Thomas Daily errechnet.

Die sogenannten Kreativen sind meist international – das passt gut zur Multikultistadt Berlin. Kulturelle Vielfalt wirkt sich positiv auf den Innovationsprozess aus. In Berlin leben Arbeitnehmer aus rund 110 Nationen. Und Unternehmen gibt es auch immer mehr. Harald Wolf zählt gerne Unternehmen aus dem Ausland auf, die hier investieren: Philip Morris schafft 100 zusätzliche Stellen in seiner Neuköllner Zigarettenfabrik; bei der US-Umwelttechnikfirma Despatch Industries gibt es 60 Arbeitsplätze, der weltgrößte Pharmakonzern Pfizer verlagert seine Deutschlandzentrale mit 500 Arbeitsplätzen nach Berlin und Parexel, ebenfalls aus den USA, baut seine Berliner Arzneimittelforschung aus.

Gute Nachrichten, keine Frage. Und der Abstand Berlins zu den anderen Ländern wird kleiner, im vergangen Jahr wuchs die Wirtschaft in der Hauptstadt um zwei Prozent, nur noch einen halben Prozentpunkt weniger als die deutsche Wirtschaft insgesamt. Für das laufende Jahr hängt Wolf die Erwartungen mit 1,3 Prozent eher niedrig. Vielleicht kippt die Stimmung aber auch dermaßen ins Positive, dass noch ein paar Zehntelprozentpunkte mehr drin sind.

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