Berlins Südosten : Rollbahn für den Aufschwung

Der Südosten wird Berlins industrielle Boomregion – dank Flughafen, Wissenschaftsstadt und Autobahn.

Claus-Dieter Steyer

Das Foto eines startenden Flugzeuges vor der Skyline von Frankfurt am Main spricht Bände. „Es zeigt auf einen Blick die gute Erreichbarkeit einer starken Wirtschaftsmetropole“, sagt Peter Strunk von der Wista-Management-Gesellschaft, die den großen Technologiepark in Adlershof entwickelt. „Gerade in Gesprächen mit ausländischen Investoren wirken solche Aufnahmen Wunder. Die brauchen für ein erstes Gespräch oft gar keine weiteren Argumente“, sagt der Sprecher, der selbst in der Nähe des Rhein-Main-Flughafens aufgewachsen ist. Genau diesen Effekt werde der neue Großflughafen BBI in Schönefeld auch für Berlin bringen. Im Südosten der Stadt entstehe ein ganz neues Eingangstor, das vom Aufbruch der Metropole künde und mit Teleobjektiven Fotos wie in Frankfurt ermögliche. Schon in einigen Jahren dürften einige Viertel zwischen dem Flughafen und dem Stadtzentrum kaum wiederzuerkennen sein.

Die passende Strategie steht im jüngsten Planungsatlas der Länder Berlin und Brandenburg für die Flughafenregion. Auf den Karten fällt sofort eine breite Entwicklungsachse zwischen dem Flughafen und der Innenstadt auf: Die neue Autobahn A 113 wirkt von Schönefeld bis nach Neukölln wie eine Lebensader. Als „Leuchtturm“ ragt zwar der Technologiepark Adlershof heraus, wo jetzt schon 13 000 Menschen in 800 Unternehmen und 18 Forschungsinstituten arbeiten und 6000 Studenten lernen. Aber der Sog der im Mai fertiggestellten Trasse zum Airport wird sich nach den Prognosen bis weit nach Neukölln und sogar bis zum Gelände der Fachhochschule in Schöneweide ausweiten.

Allein in Adlershof soll sich die Zahl der Arbeitsplätze in den kommenden zehn Jahren verdoppeln. „Damit nehmen wir anderen Berliner Wirtschaftsgebieten allerdings nichts weg“, sagt Wista-Sprecher Strunck. „Das sind zusätzliche Investoren, die sich durch die Nähe vom großen Airport angezogen fühlen.“ Ihm sei bisher nur ein Berliner Unternehmen bekannt, das sich wegen der absehbaren Schließung des Flughafens Tegel ab 2011 in Adlershof niedergelassen hat.

Die meisten betroffenen Firmen dürften gleich nach Schönefeld ziehen, wo rund 40 000 neue Jobs erwartet werden. Die Immobilienmakler Winters & Hirsch rechnen allein mit 500 Unternehmen und 20 000 Arbeitskräften, die durch die Schließung der innerstädtischen Flughäfen von Berlin in die unmittelbare Umgebung des Großairports abwandern.

Zu den Neulingen auf der südöstlichen Berliner Entwicklungsachse zählt die britisch-indische Immobiliengruppe Sitac. Direkt an der Stadtgrenze und damit am Beginn der Autobahn hinter dem Flughafen will die Gesellschaft des indischen Unternehmers Malvinder Singh ab 2009 einen 400 Millionen Euro teuren „Lifestyle-Park“ mit Gewerbegebäuden, Hotels, ein Shoppingcenter sowie Sport- und Freizeitanlagen errichten. Schon 2004 erwarb sie dafür ein 85 000-Quadratmeter-Areal, obwohl der Bau des Großflughafens damals wegen ausstehender Gerichtsentscheidungen noch auf einem recht wackligen Fundament stand. „Aber zumindest am Weiterbau der Autobahn von Neukölln nach Schönefeld bestand zu diesem Zeitpunkt kein Zweifel mehr“, sagt Bernhard Hildebrandt von der RE Management & Development Ltd., die den Sitac Parc plant, bebaut und später auch betreiben will. „Zusammen mit dem ausgezeichneten Image von Adlershof war das ein überzeugendes Motiv.“ In fünf bis sieben Jahren soll das Projekt fertig sein.

Die große Bedeutung der Autobahn erklärt sich beim Blick auf die Projektskizzen. Denn die sehen eine 1,2 Kilometer lange Gebäudefront entlang der Fahrbahn vor. „Wir wollen damit Aufmerksamkeit und Lust zu einem Besuch bei uns wecken“, sagt Hildebrandt. Gleich zwei Autobahnabfahrten machten den Standort attraktiv. In fünf bis zehn Minuten könne von hier aus das Flughafen-Terminal erreicht werden.

Diesen Vorzug wollen die Projektentwickler nicht zuletzt Kunden schmackhaft machen, die ihre Geschäfte in Richtung Asien ausweiten wollen. Sie könnten die besseren Flugverbindungen des neuen Airports mit der guten Lage ihres Firmensitzes an der Autobahn kombinieren. Von der Finanzkrise lässt sich die in Neu Delhi und London beheimatete Firma nicht beunruhigen. „Es steht genügend Eigenkapital zur Verfügung“, bestätigt Bernhard Hildebrand. „Allerdings bemerken wir bei unseren potenziellen Mietern eine etwas intensivere Prüfung ihres Engagements.“ Ein Einbruch der Geschäfte sei jedoch nicht zu befürchten.

Diese Zuversicht verbreitet auch Michael Frieling, Vorstandmitglied der Hamburger Europa-Center AG, die am Jahresanfang in Adlershof ein erstes Geschäftshaus mit 7000 Quadratmetern Fläche eröffnete. „Gut 50 Prozent sind bereits vermietet, so dass wir optimistisch den zweiten und dritten Bauabschnitt in ähnlichen Dimensionen planen.“ Adlershof biete im Unterschied zu anderen Berliner Gewerbestandorten die Möglichkeit, „wirklich kreativ zu sein“. Dank der „großen Freundlichkeit gegenüber Investoren“ mache die Arbeit viel Spaß. Frieling glaubt, dass sich der Standortvorteil gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten noch verstärken werde.

Platz für Neuansiedlungen entlang der neuen „Hauptschlagader“ ist genügend vorhanden, wie eine Fahrt auf der Autobahn oder auf dem Groß-Berliner Damm nach Adlershof zeigt. Und S-Bahn-Fahrgäste entdecken riesige, längst nicht mehr benötigte Gleisanlagen vor dem Betriebsbahnhof Schöneweide. Man braucht kein Prophet zu sein, um eine kolossale Wandlung des Gebiets vorauszusagen.

Mehr über den Großflughafen Schönefeld und seine Bedeutung für Berlin können Sie in unserer Beilage „Hauptstadt-Airport BBI“ lesen, die am kommenden Sonnabend erscheint.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben