Berliner Wirtschaft : Das Spiel ist aus

Viele Lottoläden sind bedroht: Ein Gesetz begrenzt ihre Zahl, und die Berliner tippen seltener

Daniela Martens

Es geschah an einem Freitag. Plötzlich standen zwei Männer in Carsten Krauses kleinem Lotto- und Zeitschriftenladen an der Birkenstraße in Moabit und drückten ihm die Kündigung in die Hand. „Die haben mir det Lotto weggenommen“, klagt Krause: Die Deutsche Klassenlotterie Berlin (DKLB) entzog ihm die Lizenz als Lottoannahmestelle. „Ohne Lotto kann ich den Laden nicht halten.“ Mit Zeitschriften und Zigaretten verdiene er nicht viel. Die Lottoannahme bringe im Monat mindestens 650 Euro. „Ich bin an die Wand gedrängt worden.“ Ende Juni muss sein Geschäft schließen.

1200 Lottoannahmestellen gab es in Berlin, bis im Vorjahr ein neues Lottogesetz verabschiedet wurde, dass „den Spieltrieb in geordnete Bahnen lenken sollte“, wie Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sagte. Der Schutz vor Spielsucht stand im Vordergrund. Unterdessen tippen die Berliner immer weniger: Die Spieleinsätze der Deutschen Klassenlotterie Berlin seien schon zwischen 2006 und 2007 von 327 auf 310 Millionen Euro gesunken, sagt Sprecher Thomas Dumke – noch bevor die Klassenlotterie verpflichtet wurde, die Zahl ihrer Annahmestellen auf 1100 zu verringern. Senator Körting hoffte, dass dies durch natürliche Fluktuation geschehe. Tatsächlich haben aber nur noch 1070 Läden eine Konzession. 50 Betrieben habe die Klassenlotterie gekündigt, die anderen seien nach Geschäftsaufgaben nicht neu vergeben worden, sagt Dumke.

Auch die Annahme von Sportwetten soll nach dem Gesetz, das auf einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts und einem Staatsvertrag der Bundesländer beruht, ein staatliches Monopol werden: Laut Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten gibt es noch 217 private Sportwettfilialen. Ihre Tätigkeit sei aber nicht erlaubt, betont die Innenverwaltung. Sie würden „sukzessive geschlossen“. Die Anbieter wehren sich juristisch: Zurzeit läuft ein Verfahren vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe, der am 8. Juli sein Urteil verkünden will.

Wenn es gegen die privaten Anbieter ausfällt, dürfen Lottoannahmestellen nur noch Oddset- und Totowetten der staatlichen Lotterie anbieten. „Oddset und Toto laufen nicht besonders gut, das liegt an den vielen privaten Anbietern“, sagt Ladenbetreiber Krause.

Nach welchen Kriterien wurde ausgewählt, wem man kündigte? Sprecher Dumke nennt keine Details: „Wir haben uns jeden Standort genau angesehen, und es hat meist mehrere Gründe gegeben.“ Negativ sei etwa, wenn Läden wenig Umsatz hätten oder in der Nähe eine weitere Annahmestelle liege. Lotto solle auch nur eine Nebeneinnahme sein. „Wir vergeben nur Konzessionen, wenn ein tragfähiges Gesamtkonzept vorliegt.“ Andernfalls sei „der Druck größer, etwas zu verkaufen, und sie sehen vielleicht nicht so genau hin“. Etwa, wenn Minderjährige Lose kaufen wollen.

„Kleinere Läden mit Lottoannahmestellen sind besonders betroffen, wenn ihnen die Konzession entzogen wird“, sagt Jan Pörksen, Branchenkoordinator Handel bei der IHK Berlin. Größeren mache dies weniger aus, da sie nicht von den Lottoeinnahmen abhängig seien.

Von der Bedingung, man brauche ein anderweitiges „tragfähiges Hauptgeschäft“, hat Eveline Höft noch nichts gehört. „Lotto ist mein Standbein wie bei allen anderen auch“, sagt sie, die seit 35 Jahren Betreiberin eines kleinen Lottoladens an der Kaulsdorfer Straße in Köpenick ist. Höft hat ihre Konzession noch. „Nur von Zeitungen und Zigaretten könnte ich nicht leben.“ Genau deshalb sieht sich Ladenbetreiber Krause als künftigen Hartz-IV-Empfänger. Seit zehn Jahren hat er den Laden an der Birkenstraße, 80 000 D-Mark zahlte er damals dem Vorgänger – für den Stamm an Lottokunden. „Ohne Lotto werde ich den Laden bestimmt nicht an einen Nachfolger los.“

Das ist aber nicht überall so: Dao Thi Thuy und Huyen Trang Pham verkaufen an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg seit kurzem Zeitschriften und Zeitungen. Bevor sie den Laden übernahmen, war dort auch eine Lottoannahmestelle. „Wir haben keine Konzession beantragt, weil ganz in der Nähe schon eine Annahmestelle war und uns der Aufwand mit den Schulungen zu groß war“, sagt Huyen Trang Pham.

Harald Vogel hält das Gesicht in die Nachmittagssonne. Er sitzt auf der Stufe vor seinem Schreibwarengeschäft an der Potsdamer Straße. Vor 20 Jahren, als er und sein Partner den Laden übernommen hatten, machte Lotto knapp die Hälfte des Umsatzes aus. Jetzt sind es nicht mehr als 25 Prozent. „Die Leute haben kein Geld mehr“, sagt er. In der Nähe hätte aber gerade eine andere Lottoannahmestelle zumachen müssen, seitdem laufe es endlich wieder etwas besser.

Beim erwarteten Urteil in Karlsruhe geht es auch darum, in welcher Form Lotteriegesellschaften ihr Angebot aufs Internet ausweiten können. „Gäbe es das auch in Berlin, wäre das ein großer Nachteil für uns“, sagt Ladenbesitzer Vogel. Doch zumindest diese Sorge ist unbegründet: Die hiesige Klassenlotterie hat ihr Online-Angebot vor längerer Zeit eingestellt – aus „unternehmerischen Gründen“ und weil die „soziale Kontrolle“ für Spielsüchtige und Minderjährige fehle.

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