Berliner Wirtschaft : Die Turbinenbauer bleiben in Schwung

Hersteller wie Siemens oder MTU exportieren in alle Welt. Ihr technischer Vorsprung sichert die Aufträge

Ralf Schönball
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Es gibt Branchen, an denen die Krise nahezu spurlos vorübergeht. Sogar in Berlin. Die Hersteller von Turbinen zum Beispiel. Am Donnerstag der kommenden Woche eröffnet Siemens in Moabit die neue Schaufelfertigung für Gasturbinen. Wegen der großen weltweiten Nachfrage. Vorstandschef Peter Löscher und Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sind angekündigt. Grund zum Feiern gibt es auch für die Wirtschaft der Stadt: 200 neue Arbeitsplätze werden an der Huttenstraße geschaffen und rund 15 Millionen in die Produktionsstätte investiert. Es ist nicht der einzige Hersteller von Turbinen in der Region, der gute Nachrichten für den Standort hat.

Die Erweiterung der Gasturbinenherstellung bei Siemens fällt in eine Zeit, in der eine Auftragsflaute viele Berliner Betriebe erfasst hat. Doch die geht an der Turbinenfertigung vorbei. Die Aggregate werden in Gaskraftwerken eingesetzt, um Strom zu erzeugen – sie sind aber auch das Herzstück der Triebwerke von Flugzeugen, wo sie für den nötigen Schub sorgen. Und weil Gas der umweltfreundlichste unter den klassischen Energieträgern ist, wächst weltweit die Nachfrage nach Kraftwerken, die damit befeuert werden. Gefragt sind aber nicht nur neue Turbinen, sondern auch die Reparatur und Erneuerung bestehender Kraftwerke. Auch das bringt der Region zahlreiche Aufträge.

Schon heute beschäftigt Siemens 2500 Mitarbeiter in Berlin. Deren Zahl steigt jetzt durch die neue Schaufelfertigung auf 3000. Die Schaufeln sind „Schlüsselelemente“ der Turbinen, weil sie Wärme in Bewegung umwandeln. Temperaturen von 1200 bis 1500 Grad müssen die Lamellen der Schaufeln standhalten, deshalb sind sie mit einer speziellen Legierung beschichtet. Deren Bestandteile gehören ebenso zu den Betriebsgeheimnissen des Konzerns wie die Zahl der produzierten Turbinen und der Umsatz des Standortes. Siemens-Sprecher Alfons Benzinger sagt aber einen Satz, der im Vergleich zu den sonst üblichen Sprachregelungen der Konzerne geradezu euphorisch klingt: „Das Werk entwickelt sich sehr erfreulich.“

Das liegt nicht nur an der neuen Fertigung, sondern auch an der Jagd der Siemensianer nach dem Weltrekord. Die Disziplin heißt „Wirkungsgrad“. Das klingt sperrig, meint aber nur, wie viel Energie eine Maschine aus dem Rohstoff herauspressen kann. Erschreckend niedrig war diese Ausbeute lange Zeit – die Hälfte der Energie verpuffte wirkungslos. Moderne Turbinen liefern immerhin 58 Prozent ab. Aber das „Innovationshighlight“ aus Berlin schraubt die Ausbeute auf 60 Prozent hoch – das wäre Weltrekord.

Die vielversprechende Turbine ist im Moabiter Werk bereits in der Erprobung, 3000 Sensoren messen ihre Leistung. Wenn alles gut geht, wird sie in ein bis zwei Jahren an den Energiekonzern Eon ausgeliefert – und könnte diesem einen Vorteil im Wettbewerb der Stromgiganten bringen.

Den großen Erfolg des Berliner Werkes erklärt Siemens-Sprecher Benziger mit „Fundamentaldaten“: Überall wachse die Zahl der Bewohner von Metropolen und diese bräuchten alle Strom. Zusätzlich werde die Nachfrage durch einen veralteten Kraftwerkspark in vielen Ländern angeheizt. Deshalb liefert Siemens aus Moabit in alle Welt: Tieflader verfrachten die Gasturbinen zunächst in den Westhafen, und von dort werden die schweren Geräte per Schiff über Rotterdam zu den Kunden gebracht.

Einen „kleinen Boom“ erlebt auch die MTU Aero Engines in Ludwigsfelde an den Toren der Stadt. Dort werden zusammen mit US-Partner General Electric kleinere Industriegasturbinen hergestellt. „Jede Turbine, ob im Gaswerk oder in der Luftfahrt arbeitet gleich“, sagt Sprecher Odilo Mühling. Luft ansaugen, Kraftstoff einspritzen, das Gemisch entzünden und so an den Schaufel vorbeiführen, dass sich diese möglichst effizient dreht – so wird aus Energie Bewegung, und der Rest ist heiße Luft. Mit dieser Technik stellt MTU in der Region 500 Mitarbeiter in Lohn und Brot. Zumal die Firma vor kurzem zwei neue besonders umweltfreundliche Turbinen auf den Markt gebracht hat.

„Wir haben ein extrem bequemes Auftragspolster“, sagt Mühling. Das liege auch daran, dass die Gasturbinen für die unterschiedlichsten Zwecke eingesetzt werden können: Sie werden sogar auf Ölbohrplattformen und als Schiffsantriebe eingesetzt. Die vielfältigen Anwendungen machen die Firma resistenter gegen Krisen. Zumal MTU in der Region außerdem noch Luftfahrtantriebe repariert und im Auftrag des amerikanischen Jetherstellers Pratt & Whitney zusammensetzt.

Auch der Triebwerkhersteller Rolls-Royce hat einen Standort in der Region. Und auch die Briten haben Dahlewitz zu einem Standort für die Spitzentechnologie ausgebaut: Dort wurden die Triebwerke der modernsten Modellreihe „BR700“ entwickelt. Nach Angaben der Firma sind dies die ersten zivilen Strahltriebwerke aus Deutschland, die eine internationale Zulassung besitzen. Sie sollen weniger Kerosin verbrauchen und zugleich weniger Wartung benötigen. Die ersten Testtriebwerke waren bereits Ende 2008 ausgeliefert worden. Der Erstflug einer Gulfstream G 650 mit dem neuen Antrieb ist für die zweite Jahreshälfte 2009 geplant.

Christoph Lang, Sprecher der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin-Partner, nennt diese Unternehmen die „Perlen der Berliner Industrie“. Auch viele Zulieferbetriebe hingen an diesem „industriellen Kern“. Ein Beispiel dafür ist das aus Frankreich stammende Unternehmen Alstom Power Services – eine Tochterfirma des Konzerns, der den französischen Hochgeschwindigkeitszug TGV herstellt. Alstom bietet zahlreiche Dienstleistungen für Dampf-, Gas- und Kombi-Kraftwerke an.

Noch immer sei Berlin „unterdurchschnittlich im Export“, sagt Christoph Lang, obwohl man im Vergleich zu anderen deutschen Regionen bereits aufgeholt habe. Die Hersteller von Turbinen und Triebwerken zählt er zu den wichtigsten Exportbranchen – ihre innovativen Produkte bringen also auch die Stadt in Schwung.

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