Ehe-Versprechen : Heiraten: Wenn schon, denn schon

Es wird weniger geheiratet in Deutschland, aber dafür lassen sich Heiratswillige ihre Hochzeit immer mehr kosten.

Sabine Hölper
Hochzeit
Die Heirat findet immer weniger Freunde. Allerdings werden die Zeremonien immer aufwändiger. -Foto: ddp

Böse Zungen behaupten, viele Paare wählten nur deshalb einen markanten Termin für ihre Trauung, damit sich der Ehegatte später den Hochzeitstag merken kann. Ob das stimmt oder nicht – Tatsache ist: An Schnapszahl-Tagen wird so viel geheiratet wie nie. Am kommenden Sonnabend zum Beispiel, dem 7.7.2007, werden in Berlin 356 Paare den Bund fürs Leben schließen.

Ein Ausreißer nach oben. Denn der Bindungswille der Berliner ist bei weitem nicht so groß, wie die Zahl vermuten lässt. Im vergangenen Jahr zählten die Standesämter gerade einmal 11 634 Eheschließungen, das sind knapp 32 pro Tag. Im Jahr 1970 waren es mit 25 631 noch mehr als doppelt so viele.

Der Trend nach unten ist deutlich. Juweliere, Brautausstatter und Gastwirte müssten schier verzweifeln, gäbe es nicht noch einen weiteren Trend: Die Paare lassen sich den „schönsten Tag im Leben“ immer mehr kosten, wie Berliner Unternehmer beobachten. Der Juwelier Gerald Denner in Tegel zum Beispiel. Er verzeichnet „deutliche Umsatzsteigerungen“, weil sich die frisch Vermählten heute Ringe in 585-er Gold an die Finger stecken und sich nicht mehr wie noch vor zehn Jahren mit dem günstigeren 333-er Gold zufrieden geben. Ähnliche Erfahrungen macht Bettina Weiß. Die Inhaberin des Fotostudios Bitipic’s in Johannisthal erzählt, dass sich „die Umsätze von Jahr zu Jahr fast verdoppeln“. Der Grund: Während der Fotograf früher nur kurz vorbeikam, um ein paar Bilder zu schießen, wird die Hochzeitsgesellschaft heute zwölf Stunden lang von der Kamera begleitet.

Eine Leserumfrage des Magazins „Hochzeit“ hat ergeben, dass Brautleute im Durchschnitt 7667 Euro für ihre Feier ausgeben. Für eine Torte werden 400 Euro hingeblättert, für Ringe 1400 und für Kleid und Smoking mehr als 2000 Euro. „Die Paare suchen edle Locations und legen viel Wert auf hochwertiges Essen“, sagt Christine Brand, Inhaberin der Charlottenburger Agentur Auguri – Schöne Feste. Wer zu Brand kommt, studiert Lokale und Speisekarten allerdings nicht selbst, sondern zahlt, damit er sich nicht um alles kümmern muss.

Die Spendierlaune zeigt sich auch bei der Wahl der Trauungsörtlichkeiten. Sich in einem schmucklosen Rathauszimmer das Jawort zu geben, genügt vielen Verliebten nicht mehr. Lieber legen sie die 55 Euro drauf, die eine „Eheschließung außerhalb der Diensträume“ kostet – und tauschen die Ringe auf dem Zweimaster Ars Vivendi in Köpenick, im Chinesischen Garten in Marzahn oder in der Britzer Mühle. Die „Vermehlung“ durch den Müller kostet zusätzlich 135 Euro, dennoch ist sie „sehr gefragt“, sagt Volker Weber, Leiter des Standesamtes Neukölln. „Die Leute stehen auf außergewöhnliche Sachen.“

Bettina Köbschall glaubt das auch. Gemeinsam mit ihrem Mann Thilo verkauft sie in ihrem Hochzeitslädchen in Hermsdorf Dekoartikel, die sie in den USA aufgespürt hat: Floristik im „Hollywoodstil“, also „mehr Blüten, weniger Grünzeug“, Glitzer, Seifenblasen und Seidenblütenblätter. Auch Mandelsäckchen, die das Ehepaar seinen Gästen mit nach Hause gibt. „Gastgeschenke sind der neue Trend“, sagt Köbschall.

„Weitere Renner sind Feuerwerke, Unterhaltungskünstler und Videodokumentationen“, sagt Torsten Brutschin, bei der Messewelten GmbH verantwortlich für die beiden Berliner Hochzeitsmessen am Funkturm und im Ullsteinhaus. Die Besucherzahlen der Messen bestätigen den Trend. „Die Hochzeitswelt unterm Funkturm ist heute dreimal so groß wie noch vor fünf Jahren“, sagt Brutschin. Auf Deutschlands größter Hochzeitsmesse stellen unter anderem Juweliere, Konditoren, Redner, Friseure und Floristen aus.

Dass das Geld lockerer sitzt, können auch Schneider und Brautausstatter bestätigen. „Die Paare wägen nicht mehr so lange ab, ob sie das teure Produkt nehmen sollen“, sagt Friederike Jorzig, Inhaberin des Brautmodengeschäftes Chiton in Schöneberg. Ihrer Meinung nach liegt das an der anziehenden Konjunktur. Eine andere Erklärung ist, dass die Partner heute bei der Hochzeit durchschnittlich älter als 35 Jahre alt sind, also beruflich meist fest im Sattel sitzen.

Die Berliner Unternehmer profitieren jedoch nicht nur von den steigenden Ansprüchen der Brautleute. Modedesignerin Anna Münch, seit März in ihrem Kreuzberger Atelier tätig, hat zwar schon kurz nach Eröffnung das erste Brautkleid maßgeschneidert. Doch sie setzt hauptsächlich auf eine Klientel, die nicht minder spendabel ist, aber größer in der Zahl: Hochzeitsgäste. „Die verspüren ebenfalls den Wunsch nach Individualität“, sagt Münch. „Für sie wäre es schrecklich, wenn jemand anderes im gleichen Dress erscheinen würde.“

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