Einkaufsstraßen-Report : Mittelständler am Rüdesheimer Platz behaupten sich

Am Rüdesheimer Platz gibt es hundert Jahre alte Traditionsgeschäfte und sogar Wein aus Wilmersdorfer Anbau. Der Einzelhandel sieht sich aber auch hohen Mieten und der Konkurrenz durch Einkaufszentren gegenüber.

Christina Horst,Katharina Kühn
Tradition inmitten der Großstadt: der Rüdesheimer Platz.
Tradition inmitten der Großstadt: der Rüdesheimer Platz.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

In Berlin liegt ein kleines Stückchen England. Der Rüdesheimer Platz im City-West-Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf ist ein gepflegter Park mit Brunnen, Sitzbänken und Kinderspielplatz, umgeben von Häusern im englischen Landhausstil, von denen Gartenterrassen zum Bürgersteig führen. Zum Ende der Kaiserzeit entstand der Platz in Anlehnung an die englischen Gartenstädte. Noch heute strahlt der Rüdesheimer Platz trotz kleiner Veränderungen die Atmosphäre seiner Entstehungsjahre aus, denn weite Teile des Platzes und viele umliegende Häuser stehen unter Denkmalschutz.

1911 wurden die ersten Häuser fertiggestellt und die Grünanlage mit einem Gartenfest eingeweiht – dieses Jahr feiert der Rüdesheimer Platz seinen 100. Geburtstag. Er ist das Zentrum des Rheingauviertels, die einmündenden Straßen wie die Wiesbadener oder die Aßmannshauser Straße weisen auf die Partnerschaft mit der Rheingau-Taunus-Region hin. Besucher des „Rüdi“, wie der Platz auch genannt wird, bemerken noch vor dem Verlassen der U-Bahn, dass der Kiez sich dem Wein verschrieben hat: Die Dekoration des von Architekt Wilhelm Leitgebel gestalteten Bahnhofs mit Trauben, Weinblättern und Insekten an den Wänden und Decken brachte den nicht erfindungsmüden Berliner dazu, ihn fortan „Wanzenbahnhof“ zu nennen.

Beherrscht wird der Platz vom Siegfriedbrunnen, der Mutter Mosel, Vater Rhein und den Rosslenker Siegfried darstellt. Über die vielen Jahre schaute er zuerst auf eine große Rasenfläche, dann auf einen Bolzplatz und seit den späten 70er Jahren auf ein farbenfrohes Blumenmeer zwischen Pflasterwegen. Manchmal musste der Brunnen auch als Klettergerüst herhalten, inzwischen können die Kinder dafür einen Spielplatz gegenüber nutzen.
Auch das älteste Fest des Rüdesheimer Platzes ist dem Wein gewidmet: Jeden Sommer sprudelt hier seit 1967 der „Rheingauer Weinbrunnen“.

Drei Winzer aus dem Rheingau-Taunus schenken von Mai bis September ihre Weine und Sekte aus, das Essen bringen die Weinliebhaber selber mit. Nicht nur „Importwein“ wird hier angeboten: 1984 schenkten Rheingauer Winzer dem Bezirksamt 200 Rebstöcke, die in der Nordkurve des Wilmersdorfer Stadions ein Zuhause fanden. Seitdem wird jedes Jahr die „Wilmersdorfer Rheingauperle“ in Flaschen gefüllt.

Wenn der Weinbrunnen Mitte September aufhört zu sprudeln, sorgt die Weinhandlung Hertz von Ehepaar Gisela und Claus Hertz dafür, dass trotzdem niemand auf Wein aus dem Rhein-Taunus verzichten muss. „Wenn das Fest vorbei ist, können die Leute bei mir ins Regal greifen und den gleichen Wein zu Hause trinken, den sie beim Weinfest sehr mochten“, sagt Gisela Hertz und lächelt. Rund 300 Sorten Wein, Sekt und Champagner hat die Weinhandlung im Angebot. Seit 13 Jahren führt Gisela Hertz den Laden, ihr Mann kümmert sich um das zweite Geschäft in der Leonhardtstraße. Der Laden war beim Ehepaar Liebe auf den ersten Blick: „In diese Ecke gehört ein Weinladen.“ Große Fensterläden, hohe Decken und die Hausfassade mit Weinmotiven geben den vielen Flaschen die richtige Wirkung.

Falls ein Kunde nicht so vertraut mit dem Sortiment ist wie Hertz’ Stammkunden und etwas ratlos in dem 70 Quadratmeter großen Flaschenmeer steht, hilft Gisela Hertz, den richtigen Geschmack zu finden. Dabei helfen auch andere Käufer, die bei einer Weinberatung schon mal von der anderen Ecke des Ladens rüberrufen: „Den kann ich nur empfehlen!“ Der Weinbrunnen sei für ihren Laden eine Bereicherung, meint die Inhaberin. Er wirke wie ein Magnet und so kämen auch Weinliebhaber aus anderen Bezirken zum Rüdesheimer Platz und entdeckten ihren Laden. „Ansonsten ist das hier keine Laufgegend.“

Charlottenburg-Wilmersdorf gilt als Bezirk der Besserverdiener: Neben vielen Kreativen, die seit der Künstlerkolonie der 20er Jahre hier wohnen, sind überdurchschnittlich viele Ärzte und Anwälte im Bezirk angesiedelt. Für Ladenbesitzer ist das einerseits attraktive Kundschaft, andererseits zahlen sie selbst hohe Gewerbemieten. Wolfgang Hanisch betreibt mit seiner Frau das Kindermodengeschäft Brummelinchen in der Landauer Straße. Manche Geschäfte zahlten hier eine Miete „wie auf dem Ku’damm“, erzählt er. Das Kindermodengeschäft gibt es schon 15 Jahre, heute „trägt es sich gerade so“. Nicht nur, weil die Mieten hoch sind, sondern auch weil die Umsätze seit der Eröffnung des Einkaufscenters Schloss an der nahen Schloßstraße rückläufig sind. Während die nicht so rüstigen älteren Anwohner gerne im Kiez einkauften, führen die Jüngeren lieber in die Einkaufszentren.

Lesen Sie auf Seite 2, wie sich eine familiengeführte Schusterei behauptet.

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