EInzelhandel : Auf der Straße des Erfolgs

Mit dem richtigen Management haben auch problematische Einzelhandelsstandorte eine Chance. Ein Beispiel ist die Schönhauser Allee. Die Turmstraße hat hingegen immer noch Probleme.

Anna Corves,Cay Dobberke

Geschäftsstraßen aufzuwerten gelingt nicht überall in Berlin - aber wenn jemand den richtigen Anstoß gibt, funktioniert es doch. Als Musterbeispiel gilt die Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. Kleine Läden mit Charme, gemütliche Cafés und Fachhandel - so macht das Flanieren Spaß. "Die Schönhauser ist die Magistrale in einem prosperierenden Stadtteil", sagt Regina Roß, die dort Straßenmanagerin war. Dabei hatten nach der Eröffnung der Schönhauser-Allee-Arcaden 1999 viele angestammte Händler aufgegeben: "90 Prozent der Geschäfte haben gewechselt, es gab eine Verdrängungswelle und viel Leerstand", sagt Roß. Billigshops siedelten sich an. Zugleich abher zogen immer mehr einkommensstarke, anspruchsvolle Menschen in den Kiez.

"Seit drei Jahren sind wieder elegante Läden da", bestätigt Doreen Persche, die seit 1998 das alteingesessene Hutgeschäft Kleemann-Hüte leitet. "Es ist eine Szenegegend mit vielen Touristen geworden." Auch Matthias Nebur vom Café Nährreich schätzt das "gesetztere" Publikum: "Unser Konzept, auch Bio-Produkte anzubieten, funktioniert gut. Und wir verkaufen jetzt auch Champagner."

Davon kann Thomas Krause in der Potsdamer Straße nur träumen: "Wenn ich allein vom Laden leben müsste, wäre hier längst zu", sagt der Geschäftsführer der Tiergartener Licht- und Fotopauserei "Am Lützow". Doch zum Glück beliefert der 82 Jahre alte Betrieb viele Architektenbüros und Ämter. Mit dem Wintergarten-Varieté schließe einer der letzten Anziehungspunkte der Straße, klagt Krause. Imbissbuden und Textildiscounter prägen das Bild. Doch die Bühne des Wintergartens, der Ende Januar schließt, soll nicht verwaisen: "Wir wollen das Haus ganz ähnlich nutzen, unsere Planung sieht Kultur vor", sagt Stefan Freymuth vom Hauseigentümer Kuthe GmbH.

"Potsdamer keine Einkaufsstraße"

Auf Kunst, Kultur und Medien setzt auch Jörg Krohmer vom Quartiersmanagement Magdeburger Platz / Tiergarten- Süd. Im Viertel um die Potsdamer Straße gebe es viele Ateliers und Galerien, 400 Medienfirmen seien im Netzwerk "mstreet" organisiert. Der Handel sei weniger bedeutend: "Die Potsdamer hatte nie den Charme einer Einkaufsstraße."

Zu den "mstreet"-Mitgliedern gehört Regina Wosnitza. Seit November bildet sie im Projekt "PotsTandem" Teams aus Geschäftsleuten und Medienschaffenden. Je zwei Anrainer entwickeln Ideen wie die Gründung einer Medienfachschule. Bisher ist es schwer, Touristen anzulocken. Aber Michael Müller, dessen Firma Culture to go auf "Kulturführungen mit mobilen Medien" in Berlin und Brandenburg spezialisiert ist, sieht noch Potenzial: Auch im eigenen Kiez will er bald tragbare Abspielgeräte für geführte Rundgänge anbieten. Viele Hotelgäste suchten "das authentische Berlin", sagt er.

Für die Aufwertung von Geschäftsstraßen "gibt es kein allgemeingültiges Rezept", betont Hauptgeschäftsführer Nils Busch-Petersen vom Handelsverband, doch sei die Vernetzung der Anrainer wichtig. Eine Besonderheit ist das "Management für vitale Geschäftsstraßen" in Charlottenburg-Wilmersdorf: Auf Einladung der Wirtschaftsförderung treffen sich Vertreter von Händlergemeinschaften, um sich auszutauschen. Ursula Kiesling, Vorsitzende der IG Reichsstraße, findet das EU-geförderte Projekt "großartig". Wirtschaftsstadtrat Marc Schulte (SPD) ist aber skeptisch, ob es auch für Bezirke taugen würde, die nicht zu führenden Einzelhandelsstandorten gehören.

Auch die Turmstraße hat Probleme

Viele Probleme hat auch die Moabiter Turmstraße: Ein-Euro-Läden, Handyshops und Dönerbuden säumen die Wege, der angrenzende Kleine Tiergarten wirkt ungepflegt, starker Verkehr verleidet den Einkauf. Bärbel Renken, Filialleiterin des Reformhauses Demski, erinnert sich: "Früher bekam man hier alles. Aber besonders in den letzten drei bis vier Jahren ist der Fachhandel weggezogen. Es ist eine Ecke mit vielen Arbeitslosen, So zialhilfeempfängern, auch der Ausländeranteil ist hoch. Die brauchen Billigläden."

Renken ist in der Interessengemeinschaft "Wir für die Turmstraße" aktiv. "Die Leute machen bei Projekten nicht mit, weil sie denken, da wird eh nichts draus", bedauert sie. Und Hauseigentümer seien oft nur an Mieten interessiert, "die sitzen meistens gar nicht in Berlin". Doch es gibt Hoffnung für die Turmstraße: 2008 wurde sie als eine von fünf Einkaufsstraßen für das Programm "Aktive Stadtzentren" ausgewählt. Senat und Bund wollen mit insgesamt neun Millionen Euro den öffentlichen Raum aufwerten, in die Infrastruktur investieren und das Engagement der Anrainer stärken.

Ideen aus den Kiezen fördern

Ideen aus den Kiezen fördern die Stadtentwicklungsverwaltung und die IHK speziell mit dem Wettbewerb "Mittendrin Berlin!" Zum dritten Mal bewirbt sich derzeit das Netzwerk Rüdesheimer Platz (Rüdi-Net) in Schmargendorf, das 2007 zu den Siegern zählte. Viele Anrainer, darunter 40 Händler, feierten damals ein Fest und informierten über die Platzgeschichte. Jetzt sind unter anderem Projekttage mit Tanz, Theater und Sport geplant.

Berlins 57 Einkaufszentren haben den Ruf, den rund 80 Geschäftsstraßen zu schaden. In der Steglitzer Schloßstraße genehmigte der Bezirk dagegen Neubauten wie das "Schloss" und das "Schloss- Straßen-Center", damit sich die zweitgrößte Einkaufsstraße Berlins gegen die wachsende Konkurrenz anderer Stadtteile behauptet. Bald eröffnet das umgebaute Karstadt-Haus und beginnt der Bau eines Centers auf dem Wertheim-Areal.

In der Nürnberger Straße in Schöneberg genügte die Eröffnung des Ellington-Hotels im April 2007, um vieles zu verändern. Denn neue Läden und Lokale folgten; heute ist die Straße so belebt wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

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