Fair gehandelt : Mit gutem Gewissen gekauft

Immer mehr Berliner sind bereit, für fair gehandelte Waren aus der Dritten Welt mehr Geld auszugeben.

Matthias Jekosch

BerlinIm Regal stehen Vasen aus Vietnam, eine Regalreihe weiter aus Elefantendung gefertigte Aufbewahrungsdosen. Daneben gibt es handgefertigte Taschen und Lederetuis oder Schmuck aus Peru. Dazu Schokolade, Honig, Wein, Kaffee. Mehr als 300 Quadratmeter misst das ehemalige Fabrikloft in Neukölln. Hier sitzt das Regionale Fair Handelszentrum der Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt (Gepa). Etwa 350 Lebensmittel und mehr als 1000 Artikel aus dem Kunsthandwerk verkaufen die Mitarbeiter in der Elbe straße 28/29. Alle mit dem Siegel "Fair Trade".

Abnehmer sind Wiederverkäufer, also Eine-Welt-Läden, Einzelhandel, Kantinen und andere. "Wir beliefern auch den Bundespräsidenten mit Orangensaft", sagt Jochen Kuhlmann, zuständig für den Bereich Einzelhandel und Großverbraucher. Aber auch jeder andere Berliner kann sich mit fair gehandelten Produkten bei der Gepa eindecken.

Und das tun immer mehr. "Es gibt einen starken Zuwachs im Einzelhandel", sagt Kuhlmann. Viele Verbraucher würden bewusster einkaufen. Das registrieren auch die sieben Karstadt-Häuser in Berlin mit Perfetto-Feinkostmärkten. "2007 ist der Umsatz mit Fairtrade um 33 Prozent gestiegen", sagt ein Sprecher, Zahlen für 2008 liegen noch nicht vor. Karstadt führte als einer der ersten Großabnehmer schon 1993 Waren aus fairem Handel. Bei der Berliner Gepa kaufen heute etwa 250 Lebensmittel- und Naturkostläden und 130 Großverbraucher ein.

Fairtrade ist ein Trend

Claudia Brück vom Verein Transfair sieht darin einen Trend. Der Verein wird von 35 Organisationen getragen und vergibt in Deutschland das "Fairtrade"-Siegel. Wo es draufsteht, sollen die Transparenz der Handelskette und eine bessere Bezahlung der Produzenten drin sein. 18 Produktlinien werden derzeit gekennzeichnet.

Am populärsten ist Kaffee: Von 142 Millionen Euro Umsatz, die 2007 bundesweit mit Fairtrade gemacht wurden, entfallen darauf etwa ein Drittel. "Kaffee ist ein wertigeres Produkt geworden. Das kommt der Fairtradebewegung zugute", sagt Brück. Ebenso habe der Bioboom geholfen. 75 Prozent aller Fairtrade-Produkte haben inzwischen das Bio-Siegel.

Den Vertriebsweg Fairtrade gibt es seit Mitte der 70er Jahre. Die Produzenten in armen Ländern erhalten einen Mindestpreis, der ihr Existenzminimum sichert. Außerdem achten die Fairtrade-Organisationen, von denen die Gepa die größte in Deutschland ist, auf langfristige Verträge mit Bauern und Kunsthandwerkern, um die Nachhaltigkeit zu gewährleisten.

"Fairer Handel bringt erst einmal etwas für den Einzelnen - nämlich bessere Lebensbedingungen", sagt Judith Siller. Sie leitet einen Verein, der aus der katholischen Gemeinde St. Ludwig hervorging und seit 1999 an der Emser Straße 45 in Wilmersdorf den Eine-Welt-Laden "A Janela" betreibt - der Name bedeutet auf portugiesisch "Fenster". Bis vor drei Jahren habe der Umsatz stetig zugenommen, sagt Siller. "Jetzt hat er sich bei etwa 100.000 Euro im Jahr eingependelt." Allerdings trage sich der Laden nur, weil die knapp 20 Mitarbeiter ehrenamtlich arbeiten.

Es gibt einen Mentalitätswechsel

Dieses Problem haben auch andere Eine-Welt-Läden in Berlin: Nur wenige können von den Verkäufen Angestellte bezahlen. Weiter südlich und westlich in Deutschland sei die Lage besser, sagt Jürgen Kuhlmann. "Vor allem da, wo die Kaufkraft höher und die Arbeitslosigkeit niedriger ist." Denn Produkte mit dem Fairtrade-Siegel sind oft teurer.

Doch die Stadt schließt langsam auf. "Es gibt eine lebendige Eine-Welt-Bewegung", lobt Claudia Brück von Transfair. Inzwischen sei ein Mentalitätswechsel zu beobachten, findet auch Kuhlmann. Fairtrade habe lange als Domäne der Gutverdienenden und etwas spinnerten Weltverbesserer gegolten, doch diesen "Exotenstatus" gebe es nicht mehr.

Im Kaiser's-Supermarkt am Kottbusser Tor in Kreuzberg verkaufen sich Fairtrade-Produkte inzwischen "sehr, sehr gut", sagt Kuhlmann, der die Filiale zu seinen Abnehmern zählt. Und das, obwohl es sich bei dem Gebiet um einen sozialen Problembereich handele. Es sei eine politische und ethische Entscheidung der Konsumenten. Ein Karstadt-Sprecher bestätigt: "Die Zeiten, in denen die Leute nur auf billige Produkte schauen und es egal ist, woher diese kommen, sind vorbei."

Der Handel passt sich an

Der Handel stellt sich darauf ein. Das KaDeWe, die Rewe-Supermärkte, Kaiser's Tengelmann, Edeka-Reichelt, ja selbst Discounter haben Fairtrade-Produkte im Angebot. "Im Kampf um den Kunden kann es sich kein Unternehmen leisten, diesen Käuferkreis außen vor zu lassen", sagt Günter Päts, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes. "Wir denken darüber nach, unser Angebot zu erweitern", kündigt Frank-Rainer Kaul von Edeka-Reichelt an.

Bei Blumen Bohs im S-Bahnhof Neukölln verkündet ein Türschild, dass es fair gehandelte Blumen gibt. "Die Kunden kommen extra dafür her", sagt Geschäftsführerin Elke Bohs. Blumen aus fairem Handel verkaufe sie im Verhältnis 40 zu 60 gegenüber normalen Gewächsen. Die Rose aus Holland kostet 1,20 Euro, die fair gehandelte aus Ecuador etwa 1,50 Euro. "Dafür hat die eine Frischegarantie und ist viel größer."

Auch der Senat hat das Thema Fairtrade entdeckt. Die Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit (LEZ) förderte die Einführung der "Berliner Bohne". Die Fairtrade-Kaffeemarke mit dem Untertitel "Der Hauptstadtkaffee" ist seit 2006 erhältlich. Die Wirtschaftsverwaltung wurde auch hausintern aktiv: In der Kantine gibt es mehrmals jährlich fair gehandeltes Essen und Infostände.

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