Grenzenlos arbeiten : Für Osteuropäer entfallen Hürden bei der Jobsuche

Offene Grenze: Ab 2011 dürfen osteuropäische EU-Bürger in Berlin arbeiten. Experten hoffen auf neue Fachkräfte, während Gewerkschafter für alle Branchen Mindestlöhne fordern.

Karin Schädler
Der ungarische Architekt Szilard Ladanyi ist Freiberufler - deshalb darf er schon jetzt uneingeschränkt in Berlin für verschiedene Auftraggeber arbeiten.
Der ungarische Architekt Szilard Ladanyi ist Freiberufler - deshalb darf er schon jetzt uneingeschränkt in Berlin für verschiedene...Foto: Mike Wolff

Szilard Ladanyi lächelt, wenn er über technische Details spricht. Gerade hat er darüber mit einem Auftraggeber verhandelt, nun blickt er auf die Baupläne für sein aktuelles Projekt – ein Häuserblock aus den 50er Jahren, der aus- und umgebaut werden muss. „In Ungarn werden wir Architekten auch als Statiker ausgebildet“, sagt er. Das wüssten seine Auftraggeber in Berlin besonders zu schätzen.

Experten schätzen die Zahl der Osteuropäer, die bereits in Berlin arbeiten, als eher gering ein – wegen der noch bestehenden Barrieren, die für Selbstständige wie Ladanyi aber nicht gelten. Angesichts des Fachkräftemangels besteht die Hoffnung, dass durch die Arbeitnehmerfreizügigkeit ab Mai 2011 gut ausgebildete Menschen kommen werden (siehe Infokasten). „Wir gehen fest davon aus, dass wir davon profitieren werden“, sagt Ralf Geruschkat, Bereichsleiter für Wirtschaftspolitik bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin. Jedes vierte Unternehmen in der Stadt könne Stellen nicht besetzen.

Zu viel Zuwanderung fürchten die Experten nicht. In anderen Ländern, in denen es die Freizügigkeit schon länger gibt, sei der Arbeitsmarkt „nicht überschwemmt“ worden, betont Geruschkat. Berlin sei zwar wegen der Nähe vor allem für Menschen aus Polen interessant, aber Zuwanderer bevorzugten Regionen, in denen die Löhne höher seien, sagt der Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Die Wanderung wird an Berlin vorbeiziehen in westdeutsche Städte.“ Möglich sei auch, dass manche Osteuropäer für eine oder zwei Wochen im Monat pendeln. Insgesamt würden die Folgen für den hiesigen Arbeitsmarkt jedenfalls nicht groß sein.

Die Zahl der infrage kommenden Arbeitnehmer hält IHK-Experte Geruschkat für sehr begrenzt: „Nicht jeder verlagert einfach mal so seinen Lebensmittelpunkt ins Ausland.“ Außerdem verlaufe der demografische Wandel gerade in Polen ähnlich wie in Deutschland. „Dort gibt es ebenfalls einen Fachkräftemangel.“ Auch Arne Lingott von der Handwerkskammer meint, die Zuwanderung aus Osteuropa werde auf keinen Fall ausreichen, um den Fachkräftebedarf zu decken. „In Polen gibt es auch viele Unternehmen, die gute Arbeitsplätze schaffen“, sagt der Volkswirtschaftsexperte. Zudem hatte die Abwanderung osteuropäischer Fachkräfte bereits begonnen, als sich Großbritannien, Irland und Schweden im Zuge der EU-Erweiterung sofort für Arbeitnehmer aus diesen Ländern öffneten. „Wer wirklich Interesse hatte, ist längst nach Großbritannien gegangen“, sagt Geruschkat.

Architekt Ladanyi hat ein Jahr lang in Irland gearbeitet und kam dann nach Berlin. „Das war immer mein Traum.“ Hier fühle er sich heimischer, zumal er auch deutsche Vorfahren habe. „Die ungarische und die deutsche Kultur ähneln sich.“ Für ihn als Freiberufler war nur entscheidend, ob er genügend Aufträge bekommt, da er ja schon unbeschränkt in Deutschland arbeiten darf.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) nimmt an, dass nicht besonders viele Arbeitnehmer nach Berlin kommen werden. „Für Panikmache oder ein Schreckgespenst gibt es keinen Grund“, beruhigt Dieter Pienkny, Sprecher des DGB in Berlin und Brandenburg. Dennoch sei es nicht zuletzt wegen der Freizügigkeit wichtig, einen Mindestlohn für alle Branchen einzuführen. „Es kann nicht sein, dass das Lohndumping noch steigt“, sagt Pienkny.

Die studierte Betriebswirtschaftlerin Ewa R. aus Polen weiß, wovon Pienkny spricht. Als Sachbearbeiterin in einer Berliner Logistikfirma erhält sie nur 1500 Euro brutto im Monat. Die westeuropäischen Kollegen mit der gleichen Qualifikation und auf der gleichen Hierarchiestufe verdienten einige hundert Euro mehr. „Ich verstehe nicht, warum eigentlich“, sagt R. Ihre bulgarische Kollegin Milena S., die ebenfalls ein Betriebswirtschaftsstudium vorzuweisen hat, sagt: „Unsere Chefs wissen, dass sie das machen können, weil sie immer neue Ausländer finden können.“ Ihre Namen möchten beide nicht in der Zeitung lesen, da die Firma nicht mit der Presse sprechen will.

Milena S. sagt, die Arbeit in Deutschland ermögliche ihr, später in Bulgarien eine bessere Stelle zu finden. „Das ist schön für den Lebenslauf.“ Außerdem würde sie in Bulgarien noch deutlich weniger verdienen, das Leben sei dort aber fast genauso teuer. Für immer will die 27-Jährige nicht in Deutschland bleiben. „Ein paar Jahre kann ich mir das vorstellen, aber nicht für ein ganzes Leben.“

Es sei notwendig, Beschäftigte mit tarifrechtlichen Mitteln zu schützen, sagt Gewerkschafter Pienkny. Europa solle ein gemeinsamer Lebens-, Arbeits- und Friedensraum sein. „Allerdings muss man dafür sorgen, dass bestimmte Sozialstandards nicht unterschritten werden.“ Für viele Berliner Unternehmen sind Mitarbeiter aus Osteuropa gerade wegen ihrer Herkunft interessant. „Arbeitgeber, die am polnischen Markt expandieren möchten, sehen da große Vorteile“, sagt IHK-Fachmann Geruschkat. Wer Polnisch spreche und sich mit dem dortigen Markt auskenne, sei interessant für deutsche Arbeitgeber. „Unterschiedliche kulturelle Hintergründe führen auch dazu, dass man die Dinge aus einem anderen Blickwinkel sieht.“

Architekt Ladanyi glaubt nicht, dass die Freizügigkeit noch viele Osteuropäer nach Berlin locken wird. „Wer kommen wollte, hat das schon irgendwie geschafft.“

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