HEIK AFHELDT trifft … : Barbara Göbel Institutsleiterin

Überraschend weiträumig ist die weltberühmte Bibliothek, durch die mich Barbara Göbel, Direktorin des Berliner Ibero-Amerikanischen Instituts, zu ihrem Büro geleitet. Eine mittelgroße, drahtige und wortgewandte Frau und Ethnologin mit einem gewinnenden offenen Gesicht, beredten Händen . Seit zwei Jahren wirkt sie nun schon hier im Annex der mächtigen Staatsbibliothek mit Blick auf die Neue Nationalgalerie.

Die Institution, der sie ein neues Profil geben möchte als „Brücke zwischen den Kulturen“, ist außerhalb Deutschlands bekannter und geschätzter als an ihrem Stammsitz. 1930 wurde sie auf Initiative einer wohlhabenden argentinischen Familie gegründet, die dem Verein ihre einzigartige Privatbibliothek mit 82 000 Bänden vermacht hat. Heute, unter dem Dach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, pflegt der Verein mit seiner weltweiten Reputation und einem Etat von über 5 Millionen Euro, 64 Planstellen und 28 Praktikanten drei Beine: Das erste ist die „Wissensproduktion“ mit einem Archiv, Forschungszentren, Übersetzungsdiensten und einem Stipendien-Programm. Dann die Bibliothek, „die es anderswo in Europa so nicht gibt“, mit 830 000 Bänden und 69 000 Landkarten und als Drittes das Kulturzentrum mit über 100 Veranstaltungen im Jahr.

Nicht „Schaufenster“ solle das Institut sein, sondern dazu beitragen, „die Perspektiven der anderen“ mitzudenken. Berlin habe dazu ganz einmalige Voraussetzungen, meint Barbara Göbel – und blickt schon voraus auf die Möglichkeiten, die das Humboldt-Forum künftig bieten könnte. Aus vielen Teilen der Welt kommen spanischsprachige Besucher in das Institut. Auch deshalb wünscht sie sich, dass man endlich mehr über die Frage, wie das Humboldt-Forum effektiv wirken kann, sprechen möge als darüber, was dort hinein soll.

Da sprechen die Erfahrungen und Kenntnisse einer wissbegierigen Frau, die zwar in Essen geboren, aber in Spanien und Argentinien aufgewachsen ist, in Paris studiert und gelehrt hat und längere Feldstudien in Südamerika hinter sich hat. Studiert und promoviert hat die Lise-Meitner-Habilitationsstipendiatin auch in München und Göttingen. Ihre Publikationsliste ist beeindruckend lang. „You have to exploit luck“ ist der Titel einer ihrer Arbeiten über das Leben im Andenhochland. Das scheint auch ein lebenslanges Motto für sie und ihren Mann, ebenfalls Ethnologe, und ihre neunjährige Tochter zu sein.

In ihrer freien Zeit erkundet sie per Rad das Umland. Der Ethnologin ist dabei aufgefallen, dass sich Berlin anders als fast alle anderen großen Städte ganz ohne sein Umland definiert. Auf meine Frage, ob Lateinamerika heute nicht ein wenig „out“ sei – vor allem in Berlin, antwortet sie: Die Beziehung sei wie eine alte Ehe, man muss nicht mehr daran arbeiten. Aber sie fragt auch, warum Deutschland das hohe Ansehen, das es dort hat, nicht strategischer nutzt.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegel.

Barbara Göbel (45), ist Direktorin des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin. Sie

studierte Ethnologie, Ur- und Frühgeschichte sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

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