HEIK AFHELDT trifft … : Das Jahr 2010

Alles Gute zum neuen Jahr – ein Wunsch, der 2010 für die deutsche Wirtschaft in Erfüllung gehen kann.

Heik Afheldt

Viele Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise, die uns noch mehr in Angst und Schrecken versetzt hat als die Schweinegrippe, sind zwar noch nicht beseitigt. Enorme Risiken bleiben! Die milliardenschweren Altlasten bei den Finanzinstituten beziffert Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts, für Westeuropa auf mehr als 900 Milliarden Euro. Die Kugeln im globalen Casino rollen wieder. Eine wirksame Weltfinanzaufsicht ist nicht in Sicht. Strukturierte Produkte werden wie zuvor von einfallsreichen Finanzingenieuren entwickelt. Verbriefungen bleiben ein gern genutztes Instrument. Vor allem die ungeheure Verschuldung der öffentlichen Hände verschleiert die langsam aufgehende Sonne am Konjunkturhimmel.

Aber sie wird scheinen: ex oriente lux! Die Lokomotiven der Weltwirtschaft haben gewechselt. Die Zugmaschinen fahren heute in China und Indien. Alleine in diesen Ländern, die ihren wachsenden Hunger auf Wohlstand im vergangenen Krisenjahr nur geringfügig bremsen mussten – in China betrug das Wachstum mehr als acht Prozent – leben zwei Fünftel aller Erdbewohner. In diesem Jahr wird die chinesische Wachstumsrate wohl wieder zweistellig. Das hilft dem europäischen Export.

Und Deutschland? Das Wirtschaftswachstum ist zurück, auch dank der immensen Konjunkturprogramme. Aber der auf längere Sicht wichtigere Wachstumstrend sind die physischen Grenzen für unbedachtes „Wachstum nach altem Muster“. Ein Widerspruch? Nein, ganz und gar nicht. Überall da, wo wir aus nicht erneuerbaren Ressourcen wie Rohstoffen oder Umweltgütern schöpfen, Energie verschwenden oder die Atmosphäre mit zu vielen Schadstoffen belasten, brauchen wir bahnbrechende Innovationen, neue Energieträger, „grüne“ Verfahren und Produkte und angepasste Konsummuster. Und das alles, was wir neu denken und neu machen, bringt Wachstum und Jobs. Die Angst vor dem Klimawandel schafft Wachstumsimpulse. Wir müssen unser gesamtes „Haus Deutschland“ – und die anderen „entwickelten Länder“– neu auf- und einrichten. Das wird den Aufschwung der nächsten Jahrzehnte tragen, auch den im Jahr 2010. Wir sollten deshalb die vorsichtigen Wachstumsprognosen der Wirtschaftsforscher von 1,2 bis 1,7 Prozent nicht zu ernst nehmen.

Die Voraussagen aus dem Herbst 2008 für 2009 waren viel zu rosig. Deshalb gilt nun Vorsicht für 2010. Das ist verständlich, aber falsch. Ein Plus von zwei Prozent und deutlich weniger als vier Millionen Arbeitslose können es werden. Der Dax wird die 7000-Punkte-Marke reißen. Voraussetzung dafür ist, dass die Banken durch strengere Eigenkapitalvorschriften nicht verleitet werden, der Wirtschaft die notwendigen Kredite zu versagen! Silvester 2010 werden wir hoffentlich sagen können: „Da haben wir wieder mal richtig Schwein gehabt.“

Heik Afheldt (72) war Tagesspiegel-Herausgeber und Vorsitzender der Prognos AG. An dieser Stelle porträtiert er in der Regel Unternehmer. Afheldt ist Honorarprofessor für Zukunftsforschung an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.

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