HEIK AFHELDT trifft… : Jürgen Zöllner Bildungssenator

Eine warme Abendsonne lässt die vielen weißen Haare auf dem Haupt und im oft verschmitzten Gesicht des Senators leuchten, der von seinem engen Bürobau in Mitte die wichtigsten Ressourcen der Stadt verwalten und mehren soll: Bildung, Wissenschaft und Forschung. Der weithin gerühmte sozialdemokratische Import Jürgen Zöllner aus dem beschaulicheren Rheinland-Pfalz ist von der Stadt „liebevoll empfangen worden“, sagt er. Und er weist mit Stolz darauf hin, dass ihm in seiner kurzen Amtszeit hier schon einiges gelungen sei: ein langfristig angelegter Ausbau der Forschung mit einem kräftig erhöhten Etat und erste Maßnahmen zur Erhöhung der Effizienz in den Schulen. Auch in seinem „eher konservativen“ alten Bundesland hat er mit Kurt Beck das gesamte Schulsystem umgekrempelt, die Ganztagsschule und den Kindergarten für alle eingeführt. In Berlin weht ihm und seiner typischen Fliege nun ein kälterer Wind entgegen. Die Zahl der ausfallenden Stunden sei noch immer viel zu hoch, wird kritisiert, und heute am Mittwoch wollen die Lehrer streiken. Verstehen kann er beides nicht. Aber der politisch-taktisch erfahrene ältere Herr bleibt gelassen. Er hoffe nur, dass es nicht auf Kosten der Kinder gehe.

Die Frage, warum er, der einst erfolgreiche Mikrobiologe und langjährige Minister mit über 60 Jahren noch nach Berlin gewechselt sei, löst bei ihm eine Eloge auf die großen Potenziale Berlins aus. Es sei der spannendste Platz nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und der bedeutendste deutsche Wissenschaftsstandort. Aber nun müsste man hier „den Schlag“ kriegen. Image zähle, wie man an den Namen Harvard oder Yale sehen könnte. Von dort komme auch viel Mittelmaß, aber sie profitierten weltweit vom Namen der Uni.

Irgendwie wirkt alles, das dieser eher hagere und nüchterne Wissenschaftler sagt, klar und überzeugend. Das ist wohl auch seiner Jugend geschuldet. Er wuchs sehr eigenständig auf mit einem minimalen Budget, aber immer mit dem Gefühl, „er hätte von seinem Vater gekriegt, was er brauchte“.

Irgendwann in der Brandt-Ära trat er in die SPD ein und wurde prompt ins Kommunalparlament gewählt. Seine Ausbildung verlief im D-Zugtempo: Schon mit 32 war er Professor in Mainz für Molekularbiologie und Gentechnologie, dann Präsident der Uni und ab 1991 Minister für Weiterbildung, Forschung und Kultur und stellvertretender Ministerpräsident. Da hatte er schon lange die eigentliche Wissenschaft verlassen, weil er nicht einmal mehr die Zeit fand, auch nur die Überschriften der Fachpublikationen zu lesen.

Seine Frau hat Jürgen Zöllner schon mit 19 Jahren geheiratet. Erst hat sie ihn finanziert, später konnte sie dann selbst studieren. Inzwischen hat Zöllner drei Enkelkinder. Die Familie lebt weiter in Mainz. Der begeisterte Neu-Berliner Zöllner hat eine Wohnung in Prenzlauer Berg gleich neben der U 2, mit der er schnell an seinem Schreibtisch am Spittelmarkt ist.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegel

Jürgen Zöllner (62), Professor der Molekularbiologie und Gentechnologie, Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Berlin,

Bundesbeauftragter im EU-Rat für Bildung

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