HEIK AFHELDT trifft… : Pflanzen-Kenner Godfried Seelen

Auf dem Weg in sein grünes Reich am Olympiastadion fällt rechts ein knorriger uralter Olivenbaum auf. Der Preis: 2999 Euro. Das sei sein teuerstes Stück, sagt mit diesem warmen sympathischen Rudi-Carrell-Deutsch der Mann, der mit seinen beiden Geschäften hier und am Treptower Park aus der Berliner Gartencenter-Szene nicht mehr weg zu denken ist. Sein höchster Baum mit acht Metern sei ein Bambus. Sein größter Reinfall war ein ungedeckter Scheck für die Ware, die er auf zwei Lkws aus seiner holländischen Heimat 1983 durch die „Zone“ auf die Insel West-Berlin geliefert hatte. Wütend und ohne Zögern ist er sofort nach Berlin zurück, hat die Ware wieder aufgeladen und auf einer Wiese in Britz mit 50 000 Handzetteln in der Stadt angepriesen. Nach wenigen Stunden war alles verkauft – zu Preisen, von denen man in Holland nur träumen konnte. Das war seine Entscheidung für Berlin.

Schon mit 18 hatte das zweitjüngste von sieben Kindern die elterliche Gemüsegärtnerei in der Nähe von Venlo übernommen. Dressurreiten, Tanzturniere und Mädchen hatten ihn mehr als die Schule interessiert. Mit 15 war Schulschluss. Er wollte „nie mehr in die Schulbanke hineinkriechen.“ Mit 22 Jahren gehörten ihm 10 Hektar Freiland und 40 000 Quadratmeter „unter Glas“. Aber so richtig glücklich und zufrieden war er weder mit seiner Frau und den drei Kindern, noch mit dem Geschäft. Also wurde er Obst- und Gemüseexporteur und lieferte überall nach Europa.

Das ging gut, aber nach zwei Jahren hatte er, der unruhige Holländer, die Nase voll von dem ständigen Druck: billig, billig, billig! Es folgte der Export von Pflanzen nach Katalog an Gartencenter, wieder quer durch Europa. „Das ging ab wie die Post“, erinnert sich der Mann mit dem blanken hohen Kopf und dem befreiten Lachen eines Weltenbummlers – und eben bis nach Berlin.

Heute betreibt er seine beiden Gartencenter auf insgesamt 15 000 Quadratmetern und seine Baumschulen in Holland mit fast 90 fachlich versierten Mitarbeitern, alle in einer neuen „Uniform“, mit einer Flotte von Lkws und Lieferwagen, einem eigenen Koch für die gemeinsamen Essen und mit großem Erfolg. Er lebe nicht, um Geld zu verdienen und peilt einen Umsatz von acht Millionen Euro an. Ein immer größerer Teil davon wird über das Internet kommen und mit den neuen Diensten, die „Der Holländer“ anbietet. Sie liefern, planen und pflanzen, und zur Not schickt er den Pflanzendoktor. Der älteste Sohn macht den ganzen Einkauf, der andere hat seinen eigenen Internetshop auch für Pflanzen.

Und wo wohnt der Mann, der mit seiner russischen Frau einen kleinen Sohn hat? Mitten in seinem grünen Reich. Wir trinken Tee in seinem Wohnraum an einem großen Holztisch, im Schrank locken die Schnapsflaschen, und die Spielsachen des Kleinen liegen hinten auf den braunen Sofas.

Es hat etwas Paradiesisches, ein Paradies voller Pflanzen und mit einer farbigen Batterie von Monitoren, die an den Videokünstler Nam June Paik erinnern und den Blick in die reale Welt draußen öffnen.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegel

Godfried Seelen (59) gründete vor rund 24 Jahren das Gartencenter „Der Holländer“ am Olympiastadion in Charlottenburg und eröffnete später auch eine Niederlassung am Treptower Park.

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