HEIK AFHELDT trifft … : Politikberater Lars Handrich

Da kommt er ins Café Einstein, braune Allwetterjacke, den großen breiten Kopf auf einem nicht eben schmächtigen Körper. Ein Schwergewicht, auch in seinem Gehirn. Erblich belastet offenbar. Sein Vater hatte einen Lehrstuhl für Theoretische Physik an der TU Ilmenau – ohne Parteibuch, seine Mutter war an der TU Dresden. Er selbst wurde für die Spezialschule Chemie an der Technischen Hochschule Merseburg ausgewählt. Im Internat dort fand man ihn zu wenig angepasst. Folge: In der elften Klasse „Zwangspause in der Volkswirtschaft“, wie es hieß. Aber auch die „Praxis“ mochte er nicht. Weder Rückstände von Operationen in einer Klinik zu verbrennen, noch den nächsten Job als Entaschungsmaschinist im Braunkohlenkraftwerk. Erst die Arbeit als Operator bei Robotron war o. k. Nach dem Abitur 1989, kurz vor der Wende, wartete die Einberufung in die Volksarmee. Im Februar 1990 ist er dann nach Frankfurt am Main desertiert. Den „Westen“ erlebte er zunächst als allgegenwärtige Bürokratie: Laufzettel bei der Aufnahme, Bundesaufnahmeschein, Abianerkennungsbestätigung. Dafür fand er den neuen Chemie-Campus der Uni Frankfurt ideal. Neben dem Studium gab es immer Jobs, zum Beispiel bei einer japanischen Bank .

Nach dem Vordiplom wuchsen Zweifel, ob das Berufsbild Chemiker in Zukunft noch attraktiv sein würde. Deshalb der Wechsel 1992 an die HU in Berlin zu den Sozialwissenschaften. Sein Diplomthema 1997 war die Liberalisierung der Finanzmärkte. Wie Märkte funktionieren, diese Frage beschäftigt ihn seither. Auch als er für das Graduiertenkolleg der Deutschen Forschungsgemeinschaft angenommen wurde und damit erstmals „üppig“, wie er sagt, mit Geld ausgestattet war und so in London, Oslo, Prag oder Budapest Finanzmärkte studieren konnte. Seine besondere wissenschaftliche Neugier dabei: die Steuerungsfähigkeit des Staates. Was für ein aktuelles Thema! Das führte ihn schließlich auch als Freelancer und Projektkoordinator einer deutschen Beratergruppe nach Kiew. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) stellte zusammen mit der DB-Research die Experten. Es ging um eine eigene Währung für das Land.

Beim DIW hatte man schon länger über eine Beratungstochterfirma nachgedacht. Anfang 2006 wurde die DIW Econ gegründet und Lars Handrich im Mai 2007 zum Geschäftsführer bestellt. Seitdem verkauft er unter der Marke der Mutter „modellbasierte Beratung“. 35 000 Euro betrug das bescheidene Startkapital. Mit zehn Leuten am Standort des DIW in Mitte und einem Umsatz von 400 000 Euro wollen sie schon nach einem Jahr eine schwarze Null schreiben. Der Ehrgeiz geht weit über die Grenzen hinaus nach USA, Osteuropa oder Ostasien, dahin, wo das DIW heute schon seine Duftmarken gesetzt hat.

Privat lebt der junge Vater mit seiner Frau in Pankow. Auch sie ist Ökonomin und promoviert zur Zeit in Vancouver.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegels.

Lars Handrich (38), Diplom-Sozialwissenschaftler und Doktor der Ökonomie,

ist Geschäftsführer der DIW Econ GmbH, die zum Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gehört.

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