HEIK AFHELDT trifft … : Rektor Gerhard Strehl

Das ist schon ein Unternehmen der besonderen Art, das dieser äußerlich ruhige, besonnene Berliner führen soll: die Kunsthochschule Berlin-Weißensee im Norden der Stadt. Am Wochenende gab es dort die „Tage der offenen Tür“. Die RBB- Abendschau ist präsent und filmt den bärtigen, schwarz gewandeten Design-Professor auf weißem Podest im Garten der denkmalgeschützten Anlage bei der Übergabe der Diplome und Meisterschüler-Urkunden. 87 sind es diesmal. Viele fremd klingende Namen ruft er auf. Die Schule hat international einen klingenden Namen – und schmückt Berlin, die UnescoStadt des Design, weltweit, auch wenn sie hier viele nicht kennen.

Wie kommt das? Für Westler lag sie hinter der Mauer und im Schatten der großen HdK, heute UdK. 1946 wurde sie nach dem Vorbild des Dessauer Bauhauses als „Kunstschule des Nordens“ mit einem breiten Fächer zur Ausbildung künstlerischen und gestalterischen Nachwuchses gegründet. Nach dem Mauerfall hat der Einsatz von Richard von Weizsäcker und anderen sie vor dem „Plattmachen“ bewahrt. Von Malerei und Bildhauerei über Bühnenbild, Mode, Architektur (bis 2007), Produkt-, Flächen- und Textildesign bis zur Visuellen Kommunikation wird hier alles gelehrt, was unsere kleine und große Welt „ansehnlich“ und begreifbar macht. Ein großer Kreativ-Reaktor, der weithin ausstrahlt.

Kaum ein namhaftes Unternehmen im Lande, das sich dort nicht Ideen holt oder gleich Absolventen, die seine Autos oder Flaschen oder seinen Werbeauftritt gestalten. 650 Studierende lernen dort, davon 125 aus dem Ausland. Seit elf Jahren lehrt der gelernte Elektrohandwerker, staatlich geprüfte „Metallgestalter“ und ehemalige Industriedesign-Student der Hochschule der Künste nun in Weißensee, seit 2004 steht er dort an der Spitze. Zuvor hat er als freier Gestalter für Sitzmöbel, Konsumgüter und Produkte der Medizin- und Umwelttechnik international und vielfach ausgezeichnet erfolgreich gearbeitet. Sechs Jahre war er Assistent bei Hans Roericht an der HdK und danach 18 Jahre lang Professor für Produktentwurf in Hannover.

Nun müht er sich ab, dieser Kreativschmiede innen eine gewisse Ordnung zu verschaffen und nach außen und in der Bildungsverwaltung Verständnis dafür zu finden, dass eine Hochschule für Kunst und Gestaltung nach anderen Maßstäben zu messen und finanzieren ist als eine „normale Hochschule“. Das ist nicht immer leicht. Aber es wächst mit dem Interesse an der Kreativwirtschaft die Einsicht, dass Gestaltung ein elementarer Teil von Qualität ist – und Deutschland nur mit überlegener Qualität wettbewerbsfähig und auch lebenswert bleibt.

Seine eigene Lebensqualität sichert sich der bedächtige Design-Professor durch Reisen nach Skandinavien und in die Toskana. Einmal im Jahr muss er das Meer gesehen haben. Als Bordelektriker ist er früher zur See gefahren. Mit der Heuer hat er sein Studium finanziert.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegels.

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