HEIK AFHELDT trifft … : Senats-Chef Klaus Wowereit

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat sich mit Heik Afheldt getroffen. An einem mit Terminen zugepflasterten Tag wurde auch über die Bundesambitionen des 55-Jährigen gesprochen

Gelassen sitzt er auf dem Sofa in seinem herrschaftlichen Arbeitszimmer im Roten Rathaus, makellos dezent grau gekleidet, weißes Hemd, hellblaue Krawatte, die silbergrauen Haare wie frisch geföhnt. Spät war es am Tag zuvor im Tropenhaus bei den Modemenschen. Ein Megatag, wie er häufig vorkommt. Das erste Interview im ZDF frühmorgens um 6.45 Uhr, danach vier weitere; durchschnittlich mindestens drei jeden Tag, mal staatstragend, mal launig und am liebsten frei. Ein Frust vermutlich für sein Redenschreiber- Team. Das Regieren und Reden macht dem gelernten Juristen und früheren Schulsprecher und Jusovorsitzenden immer noch Spaß. Wenn er morgens aufwacht, ist er sofort hellwach, ohne Frühgymnastik. Seine Garderobe – gerne Boss – muss zu den Auftritten passen und „liegt deshalb eher im dunklen Bereich“. Zum Morgenritual gehört die Lektüre von fünf Zeitungen, zuerst Boulevard, klar.

Beim Blick zurück auf seine Lichtenrader Jungenjahre erinnert er sich gerne an die großen Freiräume zu Hause für sich und seine Brüder, den großen Garten, die Felder und das Rudern. Ein „problemloser Schüler“ war der oberste Berliner, nur einmal gab es einen blauen Brief. Sein politisches Leben hat er früh als Schülervertreter begonnen, mit 17 trat er der SPD bei. Sein großes Vorbild war und ist Willy Brandt, damals auch Regierender. Der Grund? Dessen so glaubwürdiges soziales Credo und der offene Umgang mit seiner „gebrochenen Biografie“.

Das Credo seines „Jüngers“ ist bekannt: Berlin soll sich weiter als weltoffene Metropole entwickeln, Technologie, Toleranz und Talente, die drei T des Ökonomen Richard Florida sind seine Leitwerte. Mangelnde Visionen für die Zukunft? Diesen Vorwurf versteht er nicht. Für die großen Areale der beiden Flughäfen Tempelhof und Tegel gebe es doch interessante Perspektiven. Dass die international wirksamen Vorteile für die Kreativen – niedrige Mieten, attraktive Milieus – dem eher lahmenden Vorwärtsgang der Berliner Wirtschaft zu verdanken sind, beunruhigt ihn nicht. Das „Kraftwerk Berlin“ läuft für ihn langsam, aber mit zukunftsträchtigen Energien an.

Wann die Krise zu Ende ist, weiß auch er nicht. Als Auslöser ortet er das unmoralische Verhalten vieler Unternehmer. Mehr Regulierung brauche es schon, aber keine Rückkehr zum Stamokap. Seine eigene politische Zukunft sieht der begeisterte Hobbykoch – mit leider viel zu wenig Zeit dafür – klar. Mit der bald zu beschließenden Erweiterung des Senats auf zehn Sitze werde er das Kulturressort aufgeben – nicht ohne ein spürbares Bedauern.

Bundesambitionen? Als Ministerpräsident sitze er in allen entscheidenden Gremien. Jetzt gehe es erst mal darum, im Herbst um die Stammwähler zu kämpfen. Und mit diesem Vorsatz und einem Manuskript in der Tasche eilt er zum 100. Geburtstag von Mercedes-Benz ans Salzufer. Viel Applaus für seine freie, Optimismus verbreitende Rede dort. Mann und Frau hören ihm gerne zu.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegels.

Klaus Wowereit ist seit 2001 Regierender Bürgermeister von Berlin, vorher war er unter anderem Fraktionsvorsitzender der SPD. Der studierte Jurist stammt aus Lichtenrade.


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