HEIK AFHELDT trifft … : Stadt-Architektin Regula Lüscher

Der ehemalige Tagesspiegel-Herausgeber Afheldt hat Berlins Senatsbaudirektorin Regula Lüscher getroffen. Die 47-Jährige hat nicht ganz "so viel Politik" in der Politik erwartet.

Sie schwimmt gerne, die zierliche Baslerin – jetzt häufiger im Schlachtensee statt wie früher im Zürichsee. Der Berliner See ist sehr viel kleiner, aber die Aufgabe, die sich die weit gereiste und ambitionierte Schweizer Architektin hier aufgeladen hat, ist ungleich größer. Diese Stadt hat nur rund eine Million weniger Einwohner als die gesamte deutschsprachige Schweiz, ihr Vorgänger im gewichtigen Amt als oberster Stadtbaumeister, Hans Stimmann, hat mit seinem rigorosen Planwerk Innenstadt einen kräftigen städtebaulichen „Footprint“ hinterlassen und die politische Kultur in Berlin unterscheidet sich sehr von der schweizerischen.

Auf die Frage, was für ein Leitbild sie für die deutsche Hauptstadt habe, antwortet sie in ihrer sympathischen, dialektgefärbten Sprache, „so funktioniere ich nicht“. Sie ist gewohnt, „Prozesse zu organisieren“, Ziele gemeinsam mit anderen Berufenen und Betroffenen zu finden, die Spuren der Geschichte und alte Strukturen aufzuspüren, die Stadt dem Wasser zuzuwenden. Aber jede Frage, jede Anmerkung von ihr lande hier gleich in einem Vermerk, die Bürokratie sei mächtig und oft recht hinderlich. Man erwarte offenbar immer „klare Ansagen“ von ihr und alles sei viel hierarchischer. „So viel Politik“ hat die hier als „Fachfrau“ eingeführte Staatssekretärin nicht erwartet.

Dennoch begeistert sie die Aufgabe und die Stadt. Obwohl sie als Architekturstudentin und Dozentin Städte wie Barcelona, Helsinki oder Tokio besonders interessant gefunden hat, Berlin und auch Hamburg waren für sie schon immer auch ein Reiseziel. Deswegen hat sie nach neun Jahren im Zürcher Stadtplanungsamt und etlichen Jahren als freiberufliche Planerin vor zwei Jahren die neue große Herausforderung gerne angenommen.

Am Anfang hat sie sich richtig super gefühlt. Nun verdrießen sie – so spürt man es trotz der strahlenden Sonne in ihrem schönen großen Büro – schon die häufigen wenig freundlichen Kommentare und Kritiken. Aber sie wäre nicht die begeisterte Hochseeseglerin und ausdauernde Joggerin, wenn sie dadurch den klaren Kurs verlieren würde.

Mindestens sieben Jahre brauche es, um als Stadtgestalterin wirksam und sichtbar zu werden, sagt sie – und besser noch 14 Jahre. In Berlin ist noch so vieles zu bauen und zu gestalten, nicht nur die brach fallenden Flughäfen, sondern auch das Areal um den Hauptbahnhof oder die City-West.

Sie weiß, dass die Städtebaukunst die einzige angewandte Kunst ist, der wir uns nicht entziehen können. Wir leben und arbeiten in ihr. Die gebaute Stadt ist unsere Wohnwelt, ist Standort für die Unternehmen und Attraktion für die Besucher.

Berlin ist sexy, weil es einen aufregenden Körper hat und anziehende Gewänder. Oder, wie es die von manchen unterschätzte oberste Gestalterin mit Blick auf die Wirtschaft ausdrückt, eine große unternehmerische WG mit vielen kleinen wuseligen Unternehmern.

Regula Lüscher (47) ist seit März 2007 Berlins Senatsbaudirektorin. Die Diplom-Architektin stammt aus Basel, studierte in Zürich und war dort die Vize-Direktorin im Amt für Städtebau.

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