HEIK AFHELDT trifft … : Stadtführer Wolf-Rüdiger Hegerding

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Foto: privat

Nach einer Stunde mit diesem Berliner Original brummt einem der Kopf, und man ist erfüllt von seinen so interessanten, wundersamen Geschichten. Der Lockenkopf mit Schnauz, dunklen Brauen und einem auffordernden Lachen in seinem vollen Gesicht steckt in einem blumigen Hemd und voller prägender Erlebnisse. Geboren und aufgewachsen ist er in Ost-Berlin, in Johannisthal. Sein Vater war Diplom-Handelslehrer an einer Betriebsberufsschule, seine Mutter Hausfrau. Seit 1952 wohnen sie am Waiblinger Weg. Dort hat er auch seine schwerkranke Mutter drei Jahre bis zu ihrem Ende gepflegt. Sein Vater war früh an Krebs gestorben. Sein Bruder ist durch die Stasi „ums Leben gekommen“. Er war „vorsichtiger“. Aber „Hegi“, wie ihn auch sein Schulkamerad Gregor Gysi heute noch nennt, erinnert sich an den preußischen Geist zu Hause, an eine behütete Kindheit und „sehr glückliche Schulzeit“, an die vielen Klassenfahrten an die Ostsee und zum Skifahren in die Berge. Schülersprecher war er und Kriegsdienstverweigerer – und später zehn Jahre Schöffe an der entsprechenden Kammer.

Ab 1970 hat er in Karlshorst „Ökonomische Datenverarbeitung“ studiert und danach für Robotron-Großrechner wie den ESER 365 –„von IBM abgekupfert, nur die Türen gingen nach links auf“ – Programme entwickelt. Und das sogar noch für die anspruchsvolle Währungsumstellung nach der Wende. Das hat sehr viel besser geklappt als sein erster „Westjob“ im EC-Karten-Service. Der wurde 1992 wegrationalisiert.

Das Unterrichten hatte er da zwar weiter im Blut, aber ab jetzt wurde sein Leben als Freiberufler bunter und bunter. Die Ost-SPD hatte er 1989 mit gegründet, aber interessiert hat ihn vor allem die Kulturszene, der jüdische Tenor Josef Schmid oder Jutta Vulpius, alle hat er gekannt und verehrt. Tausende alter Platten hat er gesammelt. Zwei Briefmarken sind seiner Initiative zu verdanken, eben jene mit dem berühmten Tenor und eine mit dem Hauptmann von Köpenick. Der prangt schmuck in seiner blauen Uniform und mit einer Drehorgel auch auf einer Seite seiner Visitenkarte.

Veranstaltungen mit „eigener Marke“ bietet er an. Auf der anderen Seite wirbt er für seine Stadtführungen als City Guide. Der Berliner mit Herz und Schnauzer. Sein Herz schlägt aber auch für Indien. Als Mitglied im Indischen Verein hat er mit Begeisterung den Drehort von Fritz Langs „Tiger von Eschnapur“ und „Das indische Grabmal“ in der Provinz Rajastan besucht und dokumentiert. Dazu plant er jetzt in Berlin eine Ausstellung im Rahmen der Asien-Pazifik-Wochen. Außerdem unterstützt er Galerien mit moderner indischer Kunst. Brücken will er bauen und – so ist er überzeugt – „auch wir Kleinen können Symbole setzen“. Bei Obamas Rede in Berlin hat „Hegi“ sich auf 20 Meter an ihn herangearbeitet.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegels.

Wolf-Rüdiger G.

Hegerding (57)

bietet Stadtführungen an, tritt als Drehorgelmann auf und ist im Kulturbereich aktiv. Der EDV-Experte und Industriekaufmann stammt aus Berlin.

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