HEIK AFHELDT trifft … : Vattenfall-Chef H.-J. Cramer

Eine sympathische Lockerheit zeichnet den hochgewachsenen, sportlichen Ostfriesen Hans-Jürgen Cramer aus. Dabei fährt das Schiff, auf dessen Kommandobrücke er vor wenigen Wochen recht unerwartet gerufen worden ist, zurzeit nicht gerade in ruhigem Wasser.

Im Gegenteil. Die – wie er selber im Gespräch offen einräumt – teilweise sehr unglücklich inszenierte Preiserhöhung und die anschließenden technischen und kommunikativen Pannen in den beiden konzerneigenen Kernkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel haben Vattenfall in etliche Schwierigkeiten gebracht. 80 000 Kunden und viel Vertrauen haben sie verloren. Für den studierten Betriebswirt und Psychologen ist der Kurs klar, um mit diesen Wetterunbilden zurechtzukommen und das unglückliche Bild zu korrigieren: Offenheit und zu Fehlern stehen.

Das Berliner Unternehmen kennt er schon seit 1980, als es noch Bewag hieß. Dort hatte ihn an seinem ersten Arbeitstag bei einer Meisterfeier ein altgedienter Mitarbeiter gefragt, wozu man denn einen Diplom-Psychologen im Unternehmen brauche. Sie hätten die letzten 94 Jahre sehr erfolgreich Strom ohne Psychologie produziert. Fünf Jahre später habe derselbe Mann ihm gesagt, nun habe er es verstanden.

So ähnlich muss der oberste Chef der staatlichen Vattenfall-Mutter in Stockholm, Lars Göran Josefsson, es gesehen haben, als er Hans-Jürgen Cramer im Juli zum „dauerhaften“ Sprecher“ des Vorstandes und zum Nachfolger von Klaus Rauscher gemacht hat. Zuletzt war Cramer – seit 2002 – im Vorstand verantwortlich für Wärme, Informationstechnik und Vertrieb. Nun setzt er auf eine neue Kommunikationsstruktur, auf Bürgertelefon, Kundenbeiräte und einen „Trustroom“ – die Schnittstelle aller Kommunikationsstränge innerhalb des Unternehmens. Dort wird etwa diskutiert, wie Vattenfall das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen kann.

Seine Wurzeln hat der begeisterte Rennradfahrer bei Emden in Ostfriesland. Sein Vater war Lokomotivführer und ein begnadeter Bastler und lebt noch dort, nun 86 Jahre alt. Hans-Jürgen, der zweite von drei Söhnen, war in derselben Schule wie Otto Waalkes, war Messdiener und politisch früh interessiert. Später wurde er Mitglied der SPD und der Gewerkschaft. Nach der mittleren Reife und einer kaufmännischen Lehre besuchte er die Höhere Handelsschule. Die Bundeswehr verließ er nach zwei Jahren als Leutnant in einem Jägerbataillon. Etwas Soldatisches strahlt er auch heute noch aus. Von dort weiß er auch, wie man Krisenstäbe bildet. Studiert hat er nach dem Bund an der Fachhochschule für Wirtschaft sowie Psychologie an der FU Berlin. Auch seine Frau ist Psychologin. Die zwanzigjährige Tochter der beiden studiert wie der Vater Betriebswirtschaftslehre. Das Motorboot der Familie liegt in Brandenburg und ihre Wohnung hat sie in Lichterfelde.

Um auf Dauer genug Licht zu haben und um die Kyoto-Ziele zu erreichen, sieht Vattenfaller Hans-Jürgen Cramer mit der offenen, lebhaften Sprache übrigens keine Alternative zur Kernkraft und zu einer Laufzeitverlängerung.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegel.

Hans-Jürgen Cramer (56) ist Sprecher des Vorstandes der Vattenfall Europe AG. Der Betriebswirt und Psychologe ist dort zuständig für die Ressorts Wärme, Informationstechnik und Vertrieb.

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