Heik Afheldt trifft … : Verdi-Chef Frank Bsirske

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Foto: Thilo Rückeis

Ein „Machthaber“ mit Schnurrbart und beigefarbenem Cord-Anzug, ein liebenswürdiges, fröhliches Lachen im Gesicht. Er ist Chef der – nach der IG Metall – zweitgrößten Einzelgewerkschaft im Lande mit heute 2,17 Millionen Mitgliedern. Verdi hat rund 1000 Mitarbeiter in Berlin und einen Jahreshaushalt von 411 Millionen Euro. Als Zeichen der wachsenden Akzeptanz seiner Organisation sieht er trotz eines noch anhaltenden Mitgliederschwunds die große Anzahl neuer erwerbstätiger Mitglieder. Ihr Anteil sei bei Verdi weitaus höher als bei den Metallern oder Transnet. Das ist auch gut für ihre Streikkasse.

Bald zehn Jahre steht der einzige Sohn einer Krankenschwester und eines VW-Arbeiters nun schon an der Spitze der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft, deren Vorgängerin, die ÖTV, er schon von 2000 bis zur Gründung von Verdi 2001 geleitet hatte. Er erzählt freimütig von seiner Kindheit und dem ärmlichen Zuhause: Eine winzig kleine Wohnung und „das WC überm Hof“. Bis er elf Jahre alt wurde, lebte er – auch noch in ihrer späteren besseren Werkswohnung „am Waldrand und mit Balkon“ – auf neun Quadratmetern mit seiner Großmutter zusammen in einem Zimmer. Geprägt hat ihn sein „sehr politisches Elternhaus“.

Mit 15 ist er der SPD beigetreten. Gut erinnert er sich an seine Empörung bei der Affäre um Globke – den Adenauer-Freund, der in der Nazizeit an der Wannseekonferenz teilgenommen hatte – und an die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg 1966. Da war er 14 Jahre jung! Irgendwie logisch dann, dass er nach dem Abitur Politikwissenschaften studieren wollte und es als Hans-Böckler-Stipendiat am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin auch geschafft hat. Dann war er fast zehn Jahre Bildungssekretär bei den Falken, der sozialistischen Jugend Deutschlands – bis zu seinem Parteiausschluss 1987. Der Grund: seine Unterschrift gegen den Wahlausschluss der DKP, die Folge: sein Eintritt bei den Grün-Alternativen. Für die war er dann zwei Jahre Fraktionsmitarbeiter im Rat der Stadt Hannover.

Vor 20 Jahren startete seine steile Gewerkschaftskarriere bei der ÖTV, erst als Sekretär der Kreisverwaltung und zuletzt als deren Bundesvorsitzender. Dazwischen lagen noch drei Jahre als Stadtrat für Personal und Organisation der Landeshauptstadt Hannover. Lange Jahre war er fast immer der Jüngste in den Gremien.

Er bleibt der kämpferische Vertreter der oft benachteiligten Arbeiter und Angestellten in den Dienstleistungsbetrieben unserer Volkswirtschaft. Und nun sieht er sich in der neuen Ära Schwarz-Gelb noch stärker als bisher gefordert. Die jüngste Rede von Bundespräsident Horst Köhler zum 60. Geburtstag des Deutschen Gewerkschaftsbundes hat ihm da sehr gefallen.

Privat leben seine Frau Bettina und er mit Freude in Charlottenburg. Kennengelernt haben sie sich beim Kita-Warnstreik 1990. Gefragt , wie er sich selbst charakterisieren würde, kommt die etwas schelmische, aber doch ernst gemeinte Antwort: Er sei liebenswert, ein emotionaler Mensch und ein „Macher“.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegels.

Frank Bsirske (57) ist Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen und Aufsichtsratsmitglied bei der Deutschen Lufthansa und RWE.

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