HEIK AFHELDT trifft … : Weinhändler Dirk Giesselmann

„Mein Lieblingswein ist Wein“, pflegt der liebenswürdige, burschikose Herr mit dem Dreitagebart, dem vollen Haar, dem offenen Hemd unter dem orangefarbenen Pullover und den weinfröhlichen Augen hinter der blauen Brille zu sagen. Und von Wein kennt er eine Menge – rund um die Welt. Viele der großen Namen hierzulande, im Napa Valley oder im Bordelais zählt er zu seinen Freunden. Kein Wunder, hat der gebürtige Berliner doch schon seit der mittleren Reife „nur Wein im Kopf“. Das war so während seiner Zeit an der renommierten Hotelfachschule in Lausanne, als Eleve im Weingut Fils Maye im Wallis und in der Weinhandlung Guban und Souchay in Berlin.

Nach seinen interessanten, genussreichen Lehr- und Wanderjahren trat er mit 22 Jahren in die legendäre Berliner Weinhandlung Habel am Halensee ein, die als Familienunternehmen in der siebten Generation von seinem Onkel Gerd Engeler geführt wurde. Dort wurde er Herr über die Flaschen und Fässer tief im Keller. Das Haus Habel mit seinem historischen Stammsitz Unter den Linden 30 feierte schon 1929 seinen 150-jährigen Geburtstag. In der Jubiläumsschrift von damals heißt es: „Es gibt nur wenig Namen, die sich in der Reichshauptstadt einer so allgemeinen Popularität erfreuen wie der Name Habel.“

Vom Essen an „gehabelten Tischen“ sprach man, um zu belegen, dass man nicht verschwenderisch, sondern an den gehobelten Holztischen bei Habel speiste. Bei dem Ruf war es eigentlich kein Wunder, dass die vom jungen Weinhändler 1967 eröffnete „Habels gute Weinstube“ am Rüdesheimer Platz vom ersten Anstoßen bis heute ein großer Erfolg war. Alles lief prächtig, bis der Neffe 1984 aus der traditionsreichen Firma „rausflog“. Er hatte sich privat mit Hotel immobilien verspekuliert. Aber er blieb „im Wein“ und gründete mit seiner Frau und einem Partner die „Wein Compagny“. Die hat er 2003 verkauft und mit seinem heutigen Kompagnon, dem Sternekoch Hilmar Gathof, die Weinhandlung und das Restaurant unter den „Essbahnbögen“ in Sichtweite des Bundestages eröffnet.

200 Plätze haben sie drinnen in ihren stilvollen Räumen und bis 300 an schönen Sommertagen draußen. In der Spitze kümmern sich 19 dienstbare Geister, darunter acht Azubis, um die Gäste. Die gesamte „hohe Politik“ isst und trinkt hier „außer Gerhard Schröder, der noch nie da gewesen ist“. Mit der Weinhandlung zusammen erreichen sie einen profitablen Umsatz von gut 1,5 Millionen Euro. Von der Krise spüren sie noch nichts. Jetzt vor den Festtagen geht es im Gegenteil hoch her.

2015, wenn er seinen 70. Geburtstag feiert, wird er ein „alter Weinhändler“ und ein „gesunder Zecher“ sein. Er wird immer noch zu den wichtigsten Lieferantenmessen fahren und seinem Lieblingssport frönen, dem Golf. Wenn es diesen Sport nicht gäbe, sagt er, müsste er für ihn erfunden werden. Offenbar sieht man mit Wein die Fahne besser. Seine Tochter, die in den USA lebt, will übrigens nicht die „Thronfolge“ antreten.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegels.

Dirk Giesselmann (63) ist Gesellschafter der Weinhandlung „Habel Weinkultur“ an der Luisenstraße 19 in Mitte und gelernter

Hotelfachmann. Er stammt aus Berlin.

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