HEIK AFHELDT trifft … : WZB-Chefin Jutta Allmendinger

Ihr wissenschaftlicher Lebenslauf umfasst ganze 29 Seiten – bisher. Kein Wunder, dass es diese quicklebendige, intelligente und charmante Frau an die Spitze des international renommierten Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) geschafft hat. Dort wirbelt Jutta Allmendinger von ihrem weitläufigen, schönen Büro mit Blick auf ein eigenhändig gemaltes, farbenfrohes, großformatiges Bild und auf den Landwehrkanal nun seit April die alten ehrwürdigen Strukturen und die insgesamt fast 300 Köpfe auf und durcheinander.

Finanziert wird die Arbeit des WZB mit zuletzt immerhin 12,8 Millionen Euro von Bund und Land und 4,1 Millionen Drittmitteln. Gegründet wurde das sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut auf Initiative von Abgeordneten aller Bundestagsfraktionen schon 1969. Seit 1988 forschen die Wissenschaftler im Gebäude des ehemaligen Reichsversicherungsamtes und im berühmten Anbau von James Stirling.

Die wichtigsten „hot topics“, an denen sie arbeiten sind „Vergleichende Demokratieforschung in Europa“, „Bildungs- und Ausbildungssituationen im internationalen Vergleich“ und „Die soziokulturellen Rahmenbedingungen von Innovationsprozessen“ sowie die „Bedeutung föderaler Strukturen“.

Was sie nach ihren letzten Berufsstationen als Professorin für Soziologie an der Münchner Uni und als Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg an der neuen Aufgabe in Berlin gereizt hat, frage ich: Der längere Atem, der hier möglich und gefordert und der ansonsten kaum mehr zu finden sei, und der unmittelbarere Transfer ihrer Forschungsergebnisse in die Politik. Aber um hier noch wirkungsvoller zu werden, möchte sie die Arbeiten und deren Verbreitung noch sehr viel präziser auf die einzelnen Zielgruppen einstellen.

Kein Zweifel, mit ihrem ansteckenden Elan, ihrer spürbaren Sensibilität für soziale Ungleichheiten und ihrer Leidenschaft für empirische Forschung wird sie hier viel erreichen. Als „unheimlich neugierig“ bezeichnet sich diese extrem vielgereiste Frau. Kein Wunder. Über ein Jahr hat sie als junge Dozentin, im Gipsbett liegend und kopfüber im Streckverband hängend, unendliche Geduld aufbringen müssen. Knochentuberkulose war der Grund – eine für sie lebensrettende Diagnose. Zuvor waren ihr während ihrer Tätigkeit als Fellow in Madison (Wisconsin), weil angeblich unheilbarer Knochenkrebs vorlag, von den US-Ärzten nur noch wenige Wochen gegeben worden. Nach ihrer Genesung, geheilt von den „brutalen Rückenschmerzen“ und frisch promoviert, ging sie dann an das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Die Zahl ihrer Veröffentlichungen ist riesig. Daran, dass sie meist als einzige Frau auf einem Podium streitet, hat sie sich längst gewöhnt.

Eines ihrer Lebens-Motti ist: Lieber innovative Flops als immer nur brave Arbeit im Mainstream.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegels

Jutta Allmendinger (50) ist seit April 2007 die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Geboren wurde die Harvard-Absolventin in Mannheim.

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