Ifa 2007 : Klasse statt Masse

Berlin war einst ein Zentrum der Elektronikindustrie. Auf der Ifa 2007 stellen immerhin noch 67 Unternehmen aus der Region aus Die wenigsten davon produzieren jedoch selbst. Potenziale liegen heute im Bereich High-End sowie Marketing und Vertrieb.

Matthias Jekosch

Wenn am Freitag die Internationale Funkausstellung (Ifa) zum Schaufenster der Unterhaltungselektronikindustrie wird, hat die Region Berlin-Brandenburg wenig Handfestes zu präsentieren. Gelötet und geschraubt wird in der Hauptstadt so gut wie gar nicht mehr. „Eine Herstellung in großem Stil findet in Berlin nicht statt“, sagt Jürgen Nadler, Experte für Unterhaltungselektronik bei „Stiftung Warentest“.

Industrie- und Handelskammer Berlin, Fraunhofer-Institut und Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen antworten auf die Frage nach einer Fertigung in dem Bereich mit einem bedauernden Schulterzucken: „Eine Produktion in großem Maße ist uns nicht bekannt.“ Zwar zählt die Messe in diesem Jahr 67 Aussteller aus Berlin und Brandenburg auf. Doch bei den meisten sitzt nicht die Produktion, sondern der Vertrieb, die Deutschlandzentrale oder die Wartung in Berlin. So zog es auch den Branchenriesen Sony im letzten Jahr mit 400 Mitarbeitern an die Spree. Angestellt sind alle im Vertrieb oder im Marketing. Gefertigt wird jedoch woanders.

„Die Industrie hat sich zu Tode gespart“, schimpft Dieter Burmester auf die Geiz-ist-geil-Mentalität und die Abwanderung der Unternehmen in Billiglohnländer. Burmester und seine Firma Burmester Audiosysteme GmbH sind eine Ausnahme in dieser Entwicklung und ein Anachronismus in der Zeit von MP3 und Handymusik. Musikanlagen der Berliner Firma können bis zu 200 000 Euro kosten. 95 Prozent der Komponenten kommen aus Deutschland. Gefertigt wird in einem kleinen Werk in Schöneberg. Das Geschäft mit den „High-End-Produkten“ laufe. Der Umsatz steige jährlich um etwa zehn Prozent. „Ich glaube, dass kein Kunde etwas Billiges haben will, sondern etwas Hochwertiges für so wenig Geld wie möglich“, sagt Burmester.

Hochwertiges mit dem Gütesiegel „Made in Germany“ bekommt der Kunde aber immer weniger, vor allem nicht aus Berlin. Auch Roland Stehle von der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik ist eine Produktion in Berlin „nicht bekannt“. Dafür lobt er die Stadt als „Medienstandort“.

Berlin war allerdings mal bekannt für seine Elektronikindustrie, vor allem vor dem Zweiten Weltkrieg. Große Markennamen wie Loewe, AEG oder Siemens haben eines gemeinsam: Sie fertigten alle in großem Stil in Berlin. Auslagerungen, die schon nach dem Zweiten Weltkrieg begannen, änderten das. So verlor beispielsweise Siemens die meisten Produktionsstätten im Krieg und danach an den Sowjetsektor. Heute werden die Schwerpunkte in der Hauptstadt anders gesetzt. „Als Fertigungsstandort ist die Stadt nachrangig“, sagt Unterhaltungselektronikexperte Jürgen Nadler. Großes Potenzial habe Berlin jedoch als Dienstleistungsmetropole.

Einschränkungen gibt es. „Software wird massenweise in Berlin hergestellt“, erzählt Uwe Lindner, Geschäftsführer von Lintech. Das 1995 gegründete Unternehmen stellt auf der IFA vor allem Bluetooth-Lösungen aus, mit deren Hilfe Musik von MP3-Playern auf Soundanlagen übertragen werden kann. Die Softwarefirmen, die hier ansässig sind, sind in der Regel nur dem Fachpublikum bekannt. Ihre Produkte werden in Berlin entwickelt und dann unter anderem Namen weiterverkauft.

Dieter Burmester braucht sich keine Sorgen um einen Namen zu machen. Er hat sich selbst einen geschaffen. In dem hohen Preissegment ist seine Firma eine von höchstens zwanzig in der Welt. Er liefert an das thailändische Königshaus, stellt das Soundsystem für den Bugatti Veyron und rüstet derzeit zwei Yachten für Prominente aus. Auf der IFA ist die Firma allerdings nicht mit einem eigenen Stand präsent. „Dort spielt das Segment Hi-Fi kaum noch eine Rolle“, sagt Burmester-Geschäftsführer Udo Besser. Die Veranstalter räumten den Unternehmern dementsprechend wenig Platz ein, weshalb sich die Hi-Fi-Branche inzwischen auf Spezialmessen treffe. Dennoch ist die Firma indirekt an einem Stand beteiligt. Die Fachzeitschrift „Audio“ stellt die teuerste Musikanlage der Welt aus. Mit dabei sind auch Burmeister-Komponenten.

Für eine Mittelstandsfirma mit einer ganz bestimmten, zahlungskräftigen Zielgruppe kann sich auch die teure Fertigung in Deutschland rechnen. So wie für die Funkwerk Dabendorf GmbH, die bei Zossen ihre Premium-Mobilfunkprodukte fürs Auto fertigt. „Mit Made in Germany verbinden wir Qualität“, sagt Marketingleiter Fabian Schaaf. Auf der IFA stellen die Brandenburger unter anderem eine Plug-and-play-Freisprechanlage vor. Für Schaaf ist eine Produktion in Deutschland logisch: „Hier sitzen die ganzen Fachkräfte.“ Auch der Standort nahe der Hauptstadt sei wegen der guten Anbindung an die Welt von Vorteil.

Schaaf und Burmester meinen beide, dass nur qualitativ hochwertige Innovationen dem Billigtrend entgegenwirken können. „Die Entwicklung im letzten Jahr macht uns zuversichtlich“, sagt Schaaf.

INTERNATIONALE

FUNKAUSSTELLUNG

31. 8. – 5. 9.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben