Berliner Wirtschaft : Im Sinne des Erfinders

Zehn Charité-Forscher wurden bereits Unternehmer. Das Geschäft rechnet sich auch für die Klinik. Der Senat begrüßt diese Entwicklung, andere Krankenhäuser ziehen trotzdem noch nicht mit

Hannes Heine

Ein lebendes Medikament? Was für andere seltsam klingen mag, ist für Michael Sittinger Alltag. Der 45-jährige Biologe züchtet Zellen, die später als Arzneimittel eingesetzt werden. Sittinger entwickelt Verfahren, nach denen etwa aus Knochenmarksgewebe neue Herzmuskeln wachsen können. Die Zellen werden in das erkrankte Organ implantiert, möglicherweise kann man dadurch künftig einige Transplantationen vermeiden.

„Tissue Engineering“ nennt sich das Verfahren. Weil diese Methode ein vielversprechendes Heilverfahren und möglicherweise lukrativ ist, ist Sittinger nicht nur Wissenschaftler an der Charité: Zusammen mit einem Kollegen hat er eine Firma gegründet: Bei Cell Serve stellen zehn Mitarbeiter transplantierbare Zellen zu therapeutischen Zwecken her. Die Charité hat Sittinger dabei unterstützt.

Seit fünf Jahren ermutigt das Universitätsklinikum seine Wissenschaftler dazu, eigene Firmen zu gründen: Zehn Forscher haben sich bisher mit verschiedenen Erfindungen selbstständig gemacht. Die Klinikleitung hilft, die Forschungsergebnisse in Patente zu verwandeln, berät bei der Anmeldung und schließlich bei der Vermarktung des Produkts.

Mehrere hunderttausend Euro stellt Sittinger für die Dienste von Cell Serve in Rechnung. Seine Kunden sind vor allem Technologieunternehmen. Welche genau, will er noch nicht verraten. Doch nicht nur der Forscher, sondern auch die Klinik profitiert bei dem Modell von den Erlösen. Es kann jederzeit auf Spezialisten wie Sittinger zurückgreifen, teilt sich mit den Entdeckern aber auch den Gewinn der Erfindungen. Rund zwei Millionen Euro nimmt die Charité jährlich durch die Patente ihrer Forscher ein. „In zehn Jahren könnten es zehnmal so viel sein“, sagt Charité-Dekan Martin Paul.

Das Klinikum will seine Mitarbeiter zu „biotechnologischen Unternehmern“ machen. Mit diesem Vorhaben folgt die Charité dem „Masterplan Gesundheitsregion Berlin“, den der Senat 2006 beschlossen hatte, und der die Hauptstadt zum gefragtesten Gesundheits- und Wissenschaftsstandort Deutschlands machen soll.

In der Rangliste des Centrums für Hochschulentwicklung belegt das Universitätsklinikum bei wissenschaftlichen Erfindungen bundesweit mit Abstand den ersten Platz.

Jede Woche werden an der Charité Erfindungen angemeldet. Von den rund 60 Anmeldungen im Jahr werden schließlich mehr als 20 als Patent registriert: Knapp 70 Patente halten die Charité-Forscher bis jetzt. Dekan Paul hat neben der Wissenschaft zunehmend die Wirtschaft im Blick: „Wir machen uns schon während der Forschung Gedanken um die konkrete Vermarktung.“

Die Senatswirtschaftsverwaltung begrüßt die Initiative der Charité. „Für den Standort sind die Gründungen vorteilhaft“, sagte eine Sprecherin. Die Krankenhauskonzerne Helios und Vivantes folgen dem Beispiel der Konkurrenz jedoch vorerst nicht. Gründe wurden nicht genannt.

Kritiker warnen davor, einseitig auf bestimmte Forschungstrends zu setzen – derzeit sei vor allem die Molekularbiologie in aller Munde. Dabei laufe man Gefahr, neue Entwicklungen zu verpassen. Berlin liege als Wissenschaftsstandort noch immer hinter München: Nur sechs Prozent der Erwerbstätigen in der Hauptstadt sind in sogenannten wissenschaftsnahen Berufen tätig – trotz der 17 Berliner Hochschulen und der 100 Forschungseinrichtungen in der Region. In München arbeiten rund zwölf Prozent der Erwerbstätigen in Wissenschaft und Forschung.

Für Michael Sittinger ist Bayern derzeit keine Option. Er bevorzugt Berlin. Die Aufbruchstimmung in der Stadt habe ihn 1994 angelockt, sagt er. Der Wissenschaftler hat zuvor in Passau gelebt. Schon in seiner Doktorarbeit befasste sich Sittinger mit der Züchtung von Zellen. Gleich darauf begann der Biologe in Deutschlands erstem Labor für „Tissue Engineering“ in Berlin zu forschen.

Anders als in vielen anderen Bundesländern liege in Berlin alles nah beieinander, sagt er. Von der Charité, Europas größtem Universitätsklinikum, könne man in wenigen Minuten andere Forschungsinstitute und Pharmafirmen erreichen. Seine Firma ist in der Tucholskystraße ansässig – in der Nähe der Charité in Mitte.

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