Klima-Ausgleich : Ablass für Klimasünden

Restaurants, Veranstalter, Druckereien: Der Ausgleich von CO2-Emissionen tut Umwelt und Image gut.

Stefan Jacobs

Wenn der Winter wieder mild wird, muss Ozan Sinan die Heizung vielleicht gar nicht mehr aufdrehen. Seit der Eröffnung seines Restaurants ging es jedenfalls sehr gut ohne: Dank exzellenter Dämmung reicht die von Espressomaschine, Lampen und Gästen abgestrahlte Wärme aus. Ende September hat das „Foodorama“ in der Bergmannstraße aufgemacht. Es wirbt damit, das erste klimaneutrale Restaurant Deutschlands zu sein. Fürs Heizen müsste Sinan doppelt bezahlen: Für das Gas – und um sich vom Klimaschaden durch dessen Verbrennung freizukaufen.

Rund 3000 Euro will Sinan an das Unternehmen Climate Partner überweisen, das von dem Geld die erwarteten 160 Tonnen „Rest-Emission“ kompensiert. Von dem Geld werden beispielsweise in Indien kleine Biomasse-Kraftwerke gebaut, die dem Klima schädlichen Strom aus Kohle ersparen und nebenbei Jobs in armen Regionen schaffen. Durch die Ausgleichszahlung wird also der hier verursachte CO2-Ausstoß anderswo vermieden. Meist in Entwicklungsländern, weil es dort relativ billig ist. Da das Treibhausgas Kohlendioxid global wirkt, ist dieser Ansatz fachlich legitim. Auch Atmosfair arbeitet nach diesem Prinzip. Der wohl bekannteste Anbieter der Branche hat sich auf die Kompensation von Flugreisen spezialisiert.

In der Gastronomie ist das Food orama mit seiner Selbstverpflichtung ein Trendsetter. Aber in der Wirtschaft insgesamt ist Sinan damit längst nicht mehr allein: Unterschiedlichste Firmen leisten sich die Klimaneutralität, die zunächst nur einen direkten Effekt hat: Sie kostet Geld.

Doch unterm Strich sehen sich die Beteiligten durchaus als Profiteure. So zahlen die Betreiber des Tempodroms in diesem Jahr zwar 1000 Euro an Climate Partner, registrieren aber im Gegenzug „ausnahmslos Wohlwollen“, wie es beim Betreiber Treugast heißt. Das Unternehmen kompensiert nicht nur die eigene Emission, sondern bietet den Kunden auch die „Neutralisierung“ ihrer Veranstaltungen an. Die Emission lässt sich online berechnen, wobei das jeweilige Catering ebenso berücksichtigt wird wie die überwiegende Anreise der Gäste.

Am Donnerstag wird Bundespräsident Horst Köhler im Tempodrom das „Silberne Lorbeerblatt“ an die deutschen Medaillengewinner von Peking verleihen – klimaneutral. Macht voraussichtlich knapp 500 Euro für die Kompensation von errechneten 37 Tonnen CO2.

Moritz Lehmkuhl, Geschäftsführer von Climate Partner, hat anfangs vor allem Druckereien als Partner geworben. Die konnten sich gegenüber den Kunden hervortun in einer Branche, deren Produkte sich zwangsläufig ähneln. Henrik Vagt, Beauftragter für Energiepolitik bei der Berliner Industrie- und Handelskammer, bestätigt: „Das ist ein Alleinstellungsmerkmal.“ Die IHK hat das Thema Klimaschutz auf den Titel ihrer aktuellen Mitgliederzeitschrift gehoben – und weist zumindest am Rande auf die Kompensationsidee hin. Vagt kann sich gut vorstellen, das Thema im nächsten Jahr groß in die Öffentlichkeit zu bringen. Ähnlich positiv reagiert Thomas Lengfelder, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes: „Das ist wirklich ein interessanter Denkanstoß.“

Im Grunde lässt sich fast alles neutralisieren: Der ganze Vatikan tut’s, die Fifa tat’s mit der Fußball-EM im Sommer. Berlin kompensiert die Dienstflüge der Landesregierung, das Dietrich-Bonhoeffer-Hotel in Mitte auf Wunsch die Aufenthalte seiner Gäste. Die Mensa des Oberstufenzentrums „Lotis“ in Tempelhof lässt in Indien Windräder rotieren, für die diesjährige Tournee der „Ärzte“ wurde Wald angepflanzt.

Doch Climate-Partner-Chef Lehmkuhl sieht sich nicht in erster Linie als Ablasshändler: „Vermeidung ist unser Kerngeschäft als Berater. Kompensation kommt erst danach.“ Auf diese Reihenfolge legt auch das Umweltbundesamt großen Wert. Und rennt damit bei denen, die es sich leisten, offene Türen ein. Denn wer kompensiert, wirtschaftet auch sonst klimabewusst, bezieht Ökostrom und betreibt hoch effiziente Haustechnik. Wie groß die Potenziale in der Wirtschaft sein können, demonstriert der Internet-Dienstleister Strato. Der ist zwar nicht klimaneutral, vermeidet aber allein durch den Umstieg auf Strom aus Wasserkraft nach eigenen Angaben jährlich 15 000 Tonnen CO2. Das entspricht der Emission von etwa 2000 Durchschnittsberlinern.

Unterm Strich dürften die Öko-Engagierten also allein schon durch ihren bewussten Umgang mit der Energie viel mehr sparen als sie fürs CO2 zahlen. Hinzu kommt der Werbeeffekt. Ozan Sinan vom Foodorama sagt, der Klimaausgleich mache bei den Preisen auf der Karte weniger als ein Prozent aus. Er hätte auch durchaus noch Reserven, wenn es um die Vermeidung geht: Schottisches und französisches Mineralwasser müssten nicht sein. Auch das unvermeidlich klimaschädliche Schnitzel könnte Sinan von der Karte nehmen, aber das wäre ihm „zu lustfeindlich“. Er versucht, an anderer Stelle CO2 zu sparen, etwa durch regionales Obst und Gemüse. Sein Fazit: „Ich glaube, wir sind zwei, drei Jahre vor der Zeit.“ Durch immer neue Auswirkungen des Klimawandels werde der Zwang zum Handeln wachsen. Ohnehin plant die EU, den Handel mit Luftverschmutzungsrechten nach und nach auf immer mehr Bereiche auszudehnen. „Ich gehe davon aus, dass wir in 15 bis 20 Jahren eine Klimasteuer haben werden.“ Dann dürfte er zu denen gehören, die vergleichsweise glimpflich davonkommen.

Bei so viel Licht ist Schatten unvermeidlich. Manfred Kroehnert, mit seinem Unternehmen Climate Company ebenfalls ein Berliner CO2-Ablasshändler, hat nach eigener Auskunft mit bis zu 40 Autohändlern kooperiert, die umweltbewusste Kunden gewinnen wollten. Aber weil sich die Autos mit eingebauter Klimakompensation nicht besser verkauften als ohne, schlief das Projekt wieder ein.

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