Marienbürger : Kreative Wohngemeinschaften

Viele Berliner Medienunternehmen vernetzen sich um besser an Aufträge zu kommen. Einige ziehen dafür sogar zusammen.

Rita Nikolow

Am Anfang waren sie zu fünft – eine Handvoll Unternehmen aus der Medienbranche, die gerne zusammenarbeiteten: die Graco GmbH, ein Unternehmen für visuelle Kommunikation, die Digitaldruckerei Mediabogen GbR, die Offsetdrucker Guten Morgen GmbH und Pinguin Druck GmbH und die Werbemittelhersteller Primeline. Um noch enger kooperieren zu können, machten sich die fünf vor einigen Jahren auf die Suche nach einem geeigneten Gelände in Prenzlauer Berg und stießen auf das seit 1994 leer stehende ehemalige Umspannwerk in der Marienburger Straße. Die Unternehmen schlossen sich zur Marienburg Grundstücksverwaltung GmbH & Co. KG zusammen und kauften das Gelände für 1,8 Millionen Euro. Für 2,4 Millionen Euro wurden die denkmalgeschützten 5200 Quadratmeter Nutzfläche ab 2004 umgebaut. 3400 Quadratmeter der Fläche nutzen die fünf Unternehmer selbst, der Rest wurde für einen Mietpreis zwischen 6 und 7,50 Euro vermietet.

„Die Nachfrage ist sehr hoch gewesen“, erzählt Alexander Mende, Geschäftsführer der Pinguin Druck GmbH. Doch „Marienbürger“ kann nicht jeder werden. Die auf dem Gelände ansässigen Unternehmen müssen zusammenpassen. „Wir suchen Spezialisten aus zu uns passenden Bereichen“, erklärt Volker Heinz, Geschäftsführer der Graco GmbH.

Das Wort Komplettpaket hören die Geschäftsführer nicht gerne, doch wenn die unter dem Dach liegende Schaltwarte in einigen Wochen umgebaut ist, erwartet die Marienburg-Kunden genau das: Sie werden im Obergeschoss des Hauptgebäudes empfangen und ihr Auftrag – beispielsweise die Erstellung eines Flyers – dann an die im Hause ansässigen Dienstleister weitergeleitet. Ein Unternehmen konzipiert, eines übernimmt die grafische Gestaltung und eines den Druck.

Die Marienbürger sind bei weitem nicht die einzigen Medienunternehmen, die auf Vernetzung setzen. Weniger eng, dafür aber in einem deutlich größeren Rahmen vernetzt die M Street das Mediennetzwerk an der Potsdamer Ecke Bülowstraße. Anders als die Marienbürger hat M Street „das Pferd von hinten aufgezäumt“, wie die Projektleiterin Heidrun Abraham erklärt. „Wir haben eine große Zahl von Medienunternehmen am Standort vorgefunden und uns vorgenommen, diese besser untereinander zu vernetzen.“ Seit September 2004 bringt M Street die rund 400 verschiedenen Unternehmen zusammen, verschickt Newsletter und veranstaltet einen Stammtisch. Dieses Engagement macht lange Kurierfahrten überflüssig und bringt neue Kooperationen auf den Weg.

In der Marienburg haben die fünf Geschäftsführer zu diesem Zweck die Dangerous GbR, ein Unternehmen, das sich auf Musik-Produktdesign spezialisiert hat, sowie den IT-Service und Softwareentwickler Jasotec GbR mit ins Boot geholt. Insgesamt hoffen in der Marienburg zwölf Berliner Unternehmen mit 150 Mitarbeitern, darunter elf Auszubildende, auf kreative Synergieeffekte. Wer die Treppe des Hauptgebäudes nach oben läuft, ahnt, dass das Konzept funktionieren kann. Die Stockwerke und Büros sind offen gestaltet, gedämpfte Gespräche sind zu hören und die einzelnen Unternehmen oft nur ein paar Schritte voneinander entfernt. Unterlagen werden auch schon mal per Korb und Kordel von einem Stockwerk zum anderen transportiert.

Auch die lokale Wirtschaftsförderung glaubt an die Netzwerke. Das Projekt M Street wird unter anderem von der Wirtschaftsförderung des Bezirks Tempelhof-Schöneberg unterstützt.

„Durch die Ansiedlung von Medienunternehmen soll das Areal rund um die Potsdamer Straße aufgewertet werden“, erklärt die Leiterin der Wirtschaftsberatung, Martina Budszuhn. Langfristig soll der innerstädtische Standort auf diesem Wege als dritter Medienschwerpunkt neben Babelsberg und Adlershof etabliert werden. Rita Nikolow

0 Kommentare

Neuester Kommentar