Medizin : Gesunde Hauptstadt

Eine Studie sieht Labors, Kliniken und Medizinfirmen in Berlin und Brandenburg vor einem Boom. Bis zum Jahr 2030 soll die Zahl der hier Beschäftigten um mehr als ein Zehntel auf 368.000 steigen, der Umsatz um mehr als die Hälfte auf gut 20 Milliarden Euro.

Carsten Brönstrup
Klinikflur
Gut in Form: Kliniken in Berlin und Brandenburg. -Foto: dpa

BerlinDie Gesundheitswirtschaft wird ihre Stellung als eine der wichtigsten Branchen in Berlin und Brandenburg in den kommenden Jahren deutlich ausbauen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die der Lehrstuhl des Darmstädter Wirtschaftsweisen Bert Rürup erstellt hat. „Der positive Trend wird anhalten“, sagte Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linkspartei) bei der Vorstellung des Papiers am Montag. Die Wirtschaft verlangte indes mehr Geld zur Förderung der Branche.

Den Erkenntnissen der Wissenschaftler zufolge ist die Gesundheitssparte in Berlin und Brandenburg in den vergangenen zehn Jahren zehnmal schneller gewachsen als die Gesamtwirtschaft. Allein zwischen 2004 und 2007 seien rund 4400 neue Stellen entstanden, vor allem in den Bereichen Medizintechnik und Pharmaindustrie. Die Gesundheitswirtschaft sei „mit konstanten Wachstumsraten insbesondere in den wirtschaftlich schwächeren Phasen ein Garant für Beschäftigung und Wirtschaftswachstum“ gewesen, schreiben die Experten weiter. Allerdings sei der Wirtschaftsbereich in anderen Regionen der Republik noch stärker gewachsen – was aber vor allem an der schlechten Entwicklung der Gesamtwirtschaft in Berlin und Brandenburg liege: Zwischen 1996 und 2007 sei das Inlandsprodukt in Gesamtdeutschland um 13,3 Prozent gewachsen, in Berlin und Brandenburg lediglich um zwei Prozent.

In Zukunft würden Berlin und Brandenburg „wie kaum eine andere Region in Deutschland“ von der wachsenden Bedeutung des Bereichs profitieren, hieß es weiter. Dies liege auch an der demografischen Entwicklung. Während alle anderen Wirtschaftssparten vermutlich Beschäftigung abbauten, werde es hier hohe Zuwächse bei Wertschöpfung und Beschäftigung geben.

Als Kern der Gesundheitswirtschaft sehen die Autoren das Gesundheits- und Sozialwesen, also etwa Ärzte, Kliniken oder Reha-Krankenhäuser. Hinzu kommen der Handel mit Medizinprodukten sowie die Apotheken. Im nächsten Rang sehen die Ökonomen die Industrie, also etwa die Hersteller von Medikamenten, Rollstühlen oder Kanülen. Den Rest stellen die Krankenversicherungen, die Verwaltung sowie die Forschung im Bereich Medizin. Zu den größten Arbeitgebern in der Region zählen zum einen die Kliniken, zum anderen Firmen wie Bayer Schering Pharma oder Berlin-Chemie. Im September will der Arzneikonzern Pfizer seine Deutschland-Zentrale mit 500 Arbeitsplätzen in die Hauptstadt verlegen.

Die Strategie, bei der Wirtschaftspolitik auf Schwerpunkte wie etwa die Gesundheit zu setzen, habe sich ausgezahlt, sagte Günter Stock, Sprecher der Initiative Netzwerk Gesundheitswirtschaft, die von den wichtigsten Akteuren der Branche getragen wird. „Gesundheit ist nicht nur ein Kosten- sondern auch ein Wirtschaftsfaktor“, sagte er. Die Kooperation zwischen Berlin und Brandenburg in dem Bereich zahle sich aus und müsse verstärkt werden. Allerdings seien höhere Ausgaben für Bildung und Forschung nötig, forderte Stock. Hier sei „jeder Euro besser angelegt als für einen wohlmeinenden, aber einfallslosen Schuldenabbau“.

Auch die Wirtschaft zeigte sich zufrieden, sah aber noch ungenutztes Potenzial. „Wir sind auf dem richtigen Weg, brauchen aber noch Power unter der Motorhaube“, sagte Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin. Die Politik dürfe sich nicht auf den hohen Wachstumsraten ausruhen. Andere Regionen warteten nicht – Hamburg etwa gebe pro Jahr 2,5 Millionen Euro für die Förderung der Gesundheitsbranche aus, Berlin und Brandenburg aber insgesamt nur 740 000. „Nur mit mehr Geld und Personal werden wir die Gesundheitswirtschaft noch weiter voranbringen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben