MIkrokredite : Kleines Geld für große Ideen

Mikrokredite helfen Existenzgründern und Mittelständlern, die bei den meisten Banken abblitzen.

Thomas Loy
Mikrokredite Foto: Thilo Rückeis
Kuscheliges Sortiment. Sven-Oliver Nerger (l) und Bruno Kolberg sind kreative Kissen-Designer. -Foto: Thilo Rückeis

Sie wollen Spaß haben, kreativ sein und Freunde bleiben. Alles Ökonomische ist auch wichtig, muss sich aber unterordnen. Der Firmensitz des Kissen-Herstellers „Kazik“ mit vier gleichberechtigten Chefs ist ein etwas ramponierter einstiger Kinderladen in Kreuzberg. Die Firmenleitung nennt sich „Import/Eksport-Direktör“ oder „Ekonomik Direktör“ und erfindet immer neue „Leschis“, das sind Wärmekissen aus der „Fantasiewelt Kazikistan“. Kreditwürdig klingt das alles nicht.

Bei ihrer Hausbank hätten sie auch wenig Chancen, an Geld zu kommen, sagt der „geschäftsführende Direktör“, SvenOliver Nerger. Beim Deutschen Mikrofinanz-Institut (DMI) sieht das ganz anders aus. Hier haben die Leschi-Erfinder zwei Mal eine Wachstumsfinanzierung bekommen, 10 000 und 5000 Euro, zu je zehn Prozent Zinsen. Nach einem halben Jahr waren die Kredite zurückgezahlt.

Das DMI ist Taktgeber für eine neue Kreditkultur. Es geht um die Finanzierung kleinerer Firmen mit geringem Finanzbedarf, die an den Vergabehürden der Banken scheitern. Und es geht um das schlummernde Potenzial verhinderter Unternehmensgründer, die sich gar nicht erst trauen, wegen eines regulären Kredits anzufragen. Das Modell stammt aus Entwicklungsländern. Der Ökonomieprofessor Muhammad Yunus begann vor rund 30 Jahren in Bangladesch, armen Menschen ohne Sicherheiten Geld zu leihen, damit sie sich eine Existenz aufbauen konnten. Die Kleinkredite hatten eine geringe Laufzeit, einen hohen Zinssatz und eine geringe Ausfallquote. 2006 bekam Yunus den Friedensnobelpreis.

Das DMI wurde 2004 als Verein gegründet und hat in den meisten Bundesländern lizensierte Partner, die dort die Kreditvergabe managen. In Berlin und Brandenburg arbeitet das Beratungsunternehmen „iq consult“ mit dem DMI zusammen. Das klassische Geschäft von iq consult ist die Betreuung von Existenzgründern. Da lag es nah, das Finanzielle gleich mitzubetreuen. iq consult und DMI vermitteln nur, das Geld stammt aus einem Fonds, der sich aus Einlagen von Privatleuten, aber auch öffentlichen Institutionen wie der Kreditanstalt für Wiederaufbau und Bundesministerien speist. Da nur Banken Kredite in Deutschland vergeben dürfen, ist die GLS, ein sozial orientiertes Bankhaus, mit im Boot.

Mikrokredite stecken noch in den Kinderschuhen. Iq consult hat in zehn Jahren nur 80 Kredite in einer Gesamthöhe von 480 000 Euro vergeben. Weit größer ist das Volumen der Förderbanken, die staatliche Mittel zu attraktiven Konditionen vorwiegend an Existenzgründer vergeben. Auch diese Darlehen gelten bis 25 000 Euro als Mikrokredite.

Die Investitionsbank Berlin (IBB) vergibt im Rahmen ihres KMU-Fonds (Kreditfonds für kleinere und mittlere Unternehmen) seit zwei Jahren auch Mikrokredite. Der Unterschied zu klassischen Vergaben: Die Hausbank bleibt außen vor, also ist allein die IBB Ansprechpartner, und die Rückzahlung läuft über maximal sechs Jahre. Die Zinsen sind „marktüblich“ – derzeit um fünf Prozent. Die Vergabehürden sind niedrig: In der Regel reichen einfache Unterlagen über Ausrichtung und Struktur der Firma und ein überzeugender Auftritt. Ein professioneller Businessplan und Marktstudien sind obsolet. „Innerhalb von zehn Tagen erhalten die Bewerber eine Zu- oder Absage“, sagt IBB-Sprecher Jens Holtkamp. Dieses „vereinfachte Verfahren“ gilt jedoch nur für Summen bis zu 10 000 Euro.

2009 wurden von der IBB bislang 128 Mikrokredite im Volumen von 1,14 Millionen Euro gewährt. 136 Jobs wurden so geschaffen. Da das Programm erst seit 2007 läuft, gibt es noch keine belastbaren Daten zu Kreditausfällen. „Das ist kein Massengeschäft“, sagt Holtkamp. Die IBB dürfe Banken nicht die Kunden abspenstig machen. Sparkassen und Volksbanken vergeben schließlich auch kleine Kredite, aber die Prüfkriterien sind viel schärfer.

Deutschlandweit wird der Markt für Mikrofinanzierungen auf rund sechs Milliarden Euro geschätzt, verteilt auf 670 000 Unternehmen. 2007 haben nach KfW-Daten etwa 200 000 Gründer einen Mikrokredit aufgenommen, dabei ist der „informelle Kapitalmarkt“ – also die Geldleihe von Freunden oder Verwandten – noch gar nicht eingerechnet.

Die Tontechniker David Dwier und Daniel Strobel haben sich mit einem Mikrokredit über 5000 Euro ein Tonstudio in Weißensee eingerichtet. Bei klassischen Banken waren sie abgeblitzt. Auf den Weg gebracht haben die Mikrofinanzierer von iq consult auch einen Hundesalon, eine Cateringfirma, ein Label für Produktdesign und einen Büroservice.

Die Kazik-Chefs haben 2003 mit klassischen Gründungsdarlehen über insgesamt 70 000 Euro angefangen. Um nach den ersten Erfolgen der Wärmekissen neue Produkte herausbringen zu können, reichte das Geld aber nicht aus. „Unsere Hausbank hätte uns nicht geholfen. Denen waren unsere Umsätze zu schwankend“, sagt Sven-Oliver Nerger. Im ersten Jahr waren die Umsätze sogar „abenteuerlich“ niedrig, etwa 40 000 Euro. Heute können immerhin vier Kazik-Betreiber von den Erlösen leben und zwei Halbtagskräfte bezahlen. 2013 will man finanziell über den Berg sein, also schuldenfrei, bei anständigen Gehältern und ordentlichem Urlaubsanspruch. Doch das Wichtigste ist ihnen, bei allem Erfolg auch Freunde zu bleiben.

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