Neue Unternehmen in Berlin : Mit guten Gründen

Die Zahl neuer Unternehmen dürfte in diesem Jahr steigen, denn der Mut zur Selbstständigkeit wächst.

Saskia Weneit,Cay Dobberke
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Erfolg mit eigenen Ideen. Uwe Gundelach im „Kuchenladen“ an der Kantstraße. Der ehemalige Franchisenehmer einer Bäckereikette hat...

Als Franchisenehmer von Kamps war Uwe Gundelach „in diese Miesen geraten“, seine Bäckerei an der Reinickendorfer Residenzstraße machte zuletzt kaum noch Umsatz. Das lag nicht an der Wirtschaftskrise, sondern an einer konkurrierenden Filialkette, die gegenüber einen Backshop mit niedrigeren Preisen eröffnete. Gundelach gab auf – aber nur, um neu zu starten: Seit November betreibt der 52-Jährige den „Kuchenladen“ an der Charlottenburger Kantstraße 138. Den Großteil des Startkapitals von 50 000 Euro liehen ihm Freunde, da nur eine britische Bank einen Kredit über 12 000 Euro gewährte. „Ab Mai kann ich das Geld zurückzahlen“, freut sich Gundelach, der keine Gründerberatung besucht und „alles alleine durchgezogen“ hat. Zu seinen Spezialitäten zählen Geburtstags- und Hochzeitstorten – Bahn-Mitarbeiter etwa ließen für ihren scheidenden Chef Hartmut Mehdorn einen ICE-Modellzug auf eine Torte backen.

Für Gundelach hat sich der Sprung in die Selbstständigkeit gelohnt – und er ist kein Einzelfall, obwohl Zahlen des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg auf den ersten Blick wachsende Mutlosigkeit vermuten lassen. Gewerbeanmeldungen und Betriebsgründungen in Berlin gingen von 2007 bis 2008 um 3147 auf 41 143 zurück. Doch mit der Krise könne man das gerade nicht erklären, betont die Wirtschaftsverwaltung: Die wahre Ursache sei der Zuwachs an abhängiger Beschäftigung in den ersten drei Quartalen 2008, sagt Sprecherin Petra Schwarz. Gründungen aus wirtschaftlicher Not seien wegen der guten Jobchancen ausgeblieben, die der Fachkräftemangel mit sich bringe.

2009 werde es aber wohl wieder mehr Gründungen geben, vermutet Schwarz. „Das Interesse steigt in der Krise gerade bei gut qualifizierten Personen.“ Im bundesweiten Vergleich gebe es sogar einen „Gründungsboom“, die Stadt liege weit über dem Durchschnitt. Beim Saldo aus Neugründungen und Stilllegungen stehe nur Hamburg besser da. Und trotz des Rückgangs gebe es in Berlin noch immer mehr Anmeldungen als in den Jahren 1996 bis 2003.

Im Innovations- und Gründerzentrum Adlershof bemerkt Geschäftsführer Florian Seiff keine Krise: Jeden Monat gründe sich eine Firma. „Schwächeln die großen Firmen und entlassen Leute, wagen viele davon den Schritt in die Selbständigkeit.“ So sieht es auch Uwe Sachs, Sprecher der Investitionsbank Berlin: „Probleme auf dem Arbeitsmarkt beflügeln Gründungen.“ Die Förderung sei auf dem gleichen Niveau geblieben.

„Die Krise betrifft nicht kleine Gründer, da ihre Investitionen nicht so hoch sind“, sagt Beate Westphal vom Existenzgründer-Institut Berlin. Diese Firmen hätten wenig Probleme, Kredite und Förderung zu bekommen. Die Krise habe sogar positive Aspekte: „In der jetzigen Zeit sind Existenzgründer viel aufmerksamer und schauen einmal mehr auf ihren Businessplan, um nicht zu scheitern.“

Im Hochschulumfeld ist der Gründerwille ungebrochen. „Das liegt auch an den Förderprogrammen, die Unternehmer sind ja die ersten zwei Jahre sicher“, sagt Marcel Tilman vom Netzwerk „B!gründet“, das von Berlins Hochschulen getragen wird. Ganz ohne Risiko geht es aber kaum. „Man hat kein sicheres Gehalt mehr und muss sein Angestelltendasein hinter sich lassen“, sagt Susanne Schmitt-Wollschläger, IHK-Bereichsleiterin für Existenzgründungen und Unternehmensförderungen. „Und ein Patentrezept für den Erfolg gibt es nicht.“ Die Mehrzahl ihrer Klienten mache Weiterbildungen und nutze Netzwerke.

Als gut vernetzt kann auch der Verein „Studenten machen Schule“ gelten, den der 24-jährige Mitbegründer und Lehramtsstudent Robert Greve gerade zur Firma umwandelt. Seit zwei Jahren veranstalten 20 Mitarbeiter Workshops an 65 Berliner Oberschulen, es geht vor allem um wissenschaftliches Arbeiten und die Vorbereitung auf Prüfungen und Präsentationen. „Die Schulverwaltung hat uns von Beginn an unterstützt“, sagt Greve, nun hilft ihm auch die FU-Gründerförderung „profund“. Der Verein wird zur sogenannten Unternehmergesellschaft, für die nur ein symbolischer Euro als Startkapital nötig ist. Mit der Firma, die sich nicht an die engen Regeln der Gemeinnützigkeit halten muss, will Greve das Angebot an Workshops ausweiten.

In Spandau erfahren zurzeit Schüler, wie man sich als Unternehmer fühlt. Der Bezirk und der Verband „Die jungen Unternehmer (BJU)“ haben die Projektwoche „Schüler im Chefsessel“ gestartet (www.schueler-im-chefsessel.de). Je ein Schüler begleitet einen Tag lang einen Chef. „Wir wollen Interesse am Unternehmertum wecken und Klischees beseitigen“, sagt BJU-Sprecher Sebastian Harnisch. Zum „oft verzerrten“ Bild gehöre, dass ein Unternehmer „mit einem dicken Auto kommt, Arbeit delegiert, Zigarre raucht und golfen geht“. Die Realität zeigen den Schülern jetzt unter anderem ein Makler, eine Baustoffhandlung, ein Hotel, eine Gebäudereinigung, ein Malerbetrieb, ein Metro-Großmarkt und eine Druckerei.

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