Regionalverkehr : Konkurrenz für die Bahn

Im Regionalverkehr gibt es jetzt überall Wettbewerb. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg hat 16 Bahnstrecken ausgeschrieben. Vier große Interessenten stehen bereit.

Klaus Kurpjuweit
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Einsteigen, bitte. Auf einigen Strecken sind schon Konkurrenten der Bahn mit eigenen Zügen unterwegs – wie hier im Bahnhof...

Alles soll besser werden. Fahrgästen im Regionalverkehr auf der Schiene will der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) mehr Service und Qualität bieten – und die Länder Berlin und Brandenburg wollen weniger Zuschüsse für den Nahverkehr zahlen. Deshalb hat der Verbund insgesamt 16 Bahnstrecken ausgeschrieben, aufgeteilt in vier Bereiche. Um deren Verkehr können sich nun Bahnunternehmen bewerben. Damit es auch im Betrieb weiter Wettbewerb gibt, hat der Verbund vorgegeben, dass ein Unternehmen nicht alle Strecken betreiben darf. Dagegen wehrt sich die Bahn.

Bleibt es dabei, verliert der Konzern, dessen Züge bisher auf diesen Linien allein unterwegs sind, zumindest einen Teil dieser Leistungen – und damit Geld. Der Auftrag hat einen Wert von ungefähr 1,3 Milliarden Euro bei einer Laufzeit von zehn oder elf Jahren. Es ist deutschlandweit die größte Ausschreibung im Nahverkehr. Die Bedingungen seien aber unfair, klagt Bahnchef Hartmut Mehdorn: Der Wettbewerb werde vor allem über Löhne und Gehälter ausgetragen. Ein Vorwurf, den der Chef des Wettbewerbers Arriva, Klaus Jacobs, zurückweist. Für gleiche Leistung der Mitarbeiter gebe es auch das gleiche Geld.

Und Verbundchef Hans-Werner Franz kontert: „Zu zwei Dritteln entscheidet bei der Vergabe der Preis, zu einem Drittel die angebotene Qualität.“ Hier könne jeder Bewerber eigene Maßstäbe setzen. Dumpingangebote werde man nicht akzeptieren. Schließlich solle verhindert werden, dass ein Unternehmen nach dem Zuschlag aufgeben müsse, weil es sich verkalkuliert hat. Woanders ist dies schon mehrfach eingetreten.

Die Bahn hatte den Zuschlag für den Betrieb dieser Strecken Anfang der 90er Jahre noch ohne Ausschreibung erhalten. Inzwischen prüft die EU, ob die mit Brandenburg und Berlin damals vereinbarten Zuschüsse zu hoch gewesen und damit eine unzulässige Beihilfe gewesen sind. In der Branche ist es ein offenes Geheimnis, dass die Verträge der Bahn kräftige Gewinne im Nahverkehr der Region ermöglicht haben.

In Berlin und Brandenburg haben Wettbewerber bereits 20,3 Prozent des Verkehrs übernommen. Vier große Mitbewerber der Bahn AG gibt es heute auf dem Markt. Hinzu kommen kleinere Firmen.

ARRIVA

Der englische Konzern hat vor allem durch Käufe von Verkehrsunternehmen in Deutschland im Schienen- und Busverkehr Fuß gefasst. In der Region übernahm Arriva die Prignitzer Eisenbahn, die von ehemaligen Mitarbeitern der Bahn AG 1996 als erstes privates Bahnunternehmen in Deutschland gegründet worden war. Heute fahren Arriva-Züge in Brandenburg, in der Prignitz und auf Strecken östlich von Berlin sowie in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Hier arbeitet Arriva in der Ostdeutschen Eisenbahn-Gesellschaft (Odeg) mit dem Tochterunternehmen Benex der Hamburger Hochbahn zusammen. Beteiligt ist Arriva unter anderem auch am Metronom-Netz mit schnellen Regionalzügen in Niedersachsen und Hamburg. In Bayern, Sachsen und Thüringen gehört die Regentalbahn AG zum Konzern. Deren Fahrten im Fernverkehr zwischen Plauen und Berlin hat Arriva eingestellt.

BENEX

Benex ist ein Unternehmen der Hamburger Hochbahn. Beteiligt sind die Hamburger inzwischen an vier Schienenverkehrs - und drei Busunternehmen. Dazu gehören auf der Schiene neben dem Metronom in Niedersachsen und der Ostdeutschen Eisenbahn-Gesellschaft auch Strecken in Schleswig-Holstein und Hessen. Mitte 2011 übernimmt Benex das sogenannte Dieselnetz Oberfranken.

KEOLIS

Das Unternehmen aus Frankreich ist bisher vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen im Bahn- und Busverkehr aktiv. Mit dem „Hellwegnetz“ um Münster hat die zum Konzern gehörende Eurobahn im vergangenen Dezember ihr bisher größtes Streckennetz übernommen. In der Region Berlin-Brandenburg ist Keolis bisher nicht vertreten. Aber mit einem bekannten Mann. Deutschland-Chef Hans Leister war früher Regiochef der Bahn AG in Brandenburg und dann Geschäftsführer beim französischen Verkehrskonzern Veolia.

VEOLIA

Das französische Unternehmen ist deutschlandweit vertreten. In der Region ist Veolia (früher: Connex) an der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) beteiligt, die Züge zwischen Karow und Groß Schönebeck/Wensickendorf sowie zwischen Lichtenberg und Kostrzyn fahren lässt. Als Märkische Regionalbahn ist sie zwischen Wannsee und Jüterbog sowie Brandenburg und Rathenow unterwegs. Zudem hat Veolia die Mehrheit bei der Schöneicher–Rüdersdorfer Straßenbahn.

Die Nord-Ostsee-Bahn von Veolia fährt unter anderem Nahverkehrszüge von Hamburg nach Westerland auf Sylt, und die Ostseeland -Verkehr GmbH ist in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs. Mit dem Interconnex Leipzig–Berlin–Warnemünde bietet Veolia die derzeit einzige privat organisierte Fernverbindung an. Hinzu kommt mit dem Harz-Berlin-Express eine Wochenendverbindung von Berlin in den Harz.

Außer Benex haben alle drei anderen Gesellschaften entweder ihren Sitz oder zumindest eine Niederlassung in Berlin. Hier ist derzeit die Bahn AG mit 18 000 Mitarbeitern größter Arbeitgeber.

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