Berliner Wirtschaft : Schwarz-Rot-Geld

Mit dem Geschäft um den Fußball machen Unternehmen in der Stadt immer mehr Umsatz

Matthias Jekosch

Andreas Krabatsch kommt ganz schön ins Schwitzen. Auch er muss die Fußball-Europameisterschaft gründlich vorbereiten. Zwar anders als die deutsche Nationalmannschaft, aber anstrengend ist es schon: „Bei uns ist die Hölle los.“ Krabatsch ist Chef der Blue Media Veranstaltungstechnik, die Beamer und Plasmabildschirme verleiht. „Manche Gastronomen haben schon vor einem halben Jahr Verträge gemacht“, sagt er. Für Blue Media bedeutet die EM, die am Wochenende beginnt: Urlaubsstopp für die sechs Mitarbeiter, Arbeit rund um die Uhr, aber auch volle Kassen. Krabatsch freut sich auf einen „Rekordumsatz“.

Fußball ist in Berlin ein Wirtschaftsfaktor – gerade zu Großereignissen. In diesem Jahr ist die Frage: Sind Sommermärchen wiederholbar? „Die Erwartungen nach der WM sind wieder sehr, sehr hoch“, sagt Thomas Lengfelder vom Hotel- und Gaststättenverband. Der Umsatz der Gastronomen stieg 2006 und 2007 um je zehn Prozent. Viele setzen erneut auf den Fußballeffekt: „Die haben technisch aufgerüstet und sich Großbildfernseher gekauft“, sagt Lengfelder.

Noch stehen sie verpackt im Lager, aber zur EM-Eröffnung am Sonnabend werden sie gebraucht: Zwei Plasmafernseher, für die Vahap Karadag zusammen knapp 1800 Euro gezahlt hat. Ihm gehört die „Rubens Coffee Lounge“ am Mehringdamm. „Wenn die Leute unser Angebot sehen, werden sie bleiben“, glaubt Karadag. Bei „Herrlich Männergeschenke“ in der Bergmannstraße zieren Fußballtaschen, -bücher und -kleidung das Schaufenster. Ein weißes T–Shirt mit der Aufschrift „Bundestrainer“ sei der Renner, sagt die Angestellte Gundula Hoburg.

Da die EM nur per Fernsehen hierher- kommt, bringen Unternehmen die Berliner nach Österreich und in die Schweiz. Air Berlin hat Linienflüge nach Wien und Zürich „Fan-Taxi“ getauft. „Die sind verstärkt gebucht, vor allem ab den Viertelfinalspielen“, heißt es.

Berlin Linienbus fährt wie immer täglich nach Wien. „Wir gehen davon aus, dass die Passagierzahlen steigen werden“, sagt Geschäftsführer Jörg Schaube. Fanfahrten gibt es aber nicht. „Das ist ein etwas spezielles Publikum und wir haben sehr hochwertige Busse. Sie wissen, was ich meine.“ Zu DFB–Pokalspielen befördern seine Busse VIPs durch Berlin. Die Deutsche Bahn setzt ab Berlin Liegewagenzüge zu den deutschen Spielorten ein. „Die Erfahrung der WM zeigt, dass solche Züge gut genutzt werden“, sagt ein Konzernsprecher.

In Berlin hätte sich Natascha Kompatzki von der Berlin-Tourismus-Marketing (BTM) eine Fanmeile wie 2006 gewünscht. „Diesmal ist es ein Trauerspiel.“ Die Fanmeile am Brandenburger Tor soll es nur für die Halbfinal- und Finalspiele vom 23. bis zum 29. Juni geben, und es werden nur noch vier statt acht Leinwände aufgestellt. Leider habe es nicht mit einer Fanmeile am Alexanderplatz geklappt, bedauert Detlef Steffens, Geschäftsführer des Galeria-Kaufhof am Alexanderplatz. Der Umsatz wäre dann höher ausgefallen. Nun rechnet er mit „etwa zwei Drittel des WM-Geschäfts“.

Die Fanmeile fehlt auch dem Reinickendorfer Fleisch- und Wursthersteller Mago. „Die Fanmeile war eine ganz andere Liga, da haben wir alle Stände beliefert“, sagt Geschäftsführer Rainer Kempkes. Diesmal setzt er auf Fußballbegeisterte, die zu Hause bleiben – „wenn das Wetter mitspielt und die Leute grillen.“

Gute Geschäfte sind eine Stimmungssache. „Wenn die Türkei weiterkommt, verkaufen wir viel“, sagt Engin Sariköse vom Sportartikelgeschäft Sando Sport. Das sei schon 2002 so gewesen, als die Türkei bei der WM Platz drei erspielte. „Da hatten wir keinen roten Stoff mehr.“ Der Verkaufsraum der Aral-Tankstelle in der Yorckstraße ist voll von Hawaii-Ketten und Fahnen in Schwarz-Rot-Gold, aber auch in den türkischen Farben Rot-Weiß. „Die Türkei kann man hier nicht vernachlässigen“, sagt der Chef.

Hertha-Geschäftsführer Ingo Schiller hofft auf die deutsche Mannschaft: „Ihr Abschneiden ist entscheidend.“ Hertha würde von einer Fußballeuphorie wohl profitieren. Mit Merchandising verdient der Verein etwa 3,5 Millionen Euro. Mit vier Fanartikelläden und weiteren Kooperationen ist der Bundesligist der größte wirtschaftliche Nutznießer einer Fußballbegeisterung. Aber auch der 1. FC Union könnte Mehreinnahmen gut gebrauchen. Der Verein saniert gerade in einer ersten Bauphase sein Stadion für 2,5 Millionen Euro. Für eine zweite Bauphase will der Bezirk Treptow-Köpenick 600 000 Euro zur Verfügung stellen.

Das Berliner Büro der Architekten Gerkan, Marg und Partner verdient sein Geld auch mit dem Bau von Stadien. Von 2000 bis 2004 hatte es schon das Olympiastadion saniert. Und bei der WM 2010 in Südafrika spielen die Mannschaften in Stadien, die von den 100 Berliner Mitarbeitern geplant wurden: dem Greenpoint Stadion in Kapstadt, dem Moses Mabhida Stadion in Durban und der Nelson Mandela Bay Arena in Port Elizabeth.

17,3 Millionen Übernachtungen im vorigen Jahr bedeuteten einen Rekord für Berlin. Das führt BTM-Sprecherin Kompatzki vor allem auch auf die Werbung durch die Weltmeisterschaft zurück. „Da gingen Bilder um die Welt, die zeigten: Hier scheint immer die Sonne und die Leute sind gut drauf.“ Davon profitiere Berlin nachhaltig. Als Fußballpilgerort kommt Berlin wieder zum DFB-Pokal-Finale infrage. „Das bringt der Stadt was. Die auswärtigen Fans konsumieren und übernachten hier“, sagt Daniel Fiebig von der Industrie- und Handelskammer Berlin. Spätestens dann heißt es wieder: „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin.“

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