Schwule & Lesben : Toleranz gewinnt

Nicht nur zum Christopher Street Day sind Schwule und Lesben ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Berlin. Insgesamt spült die Homo-Parade 134 Millionen Euro in die Kassen von Hotels, Gaststätten und Händlern.

Jan Oberländer
Wowereit Kubicki
Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (rechts) mit Lebenspartner Jörn Kubicki beim schwul-lesbischen Straßenfest am vergangenen...Foto: Davids

350 000 Besucher waren voriges Wochenende beim lesbisch-schwulen Stadtfest in Schöneberg. Beim Christopher Street Day (CSD) am Sonnabend werden eine halbe Million Teilnehmer erwartet. Und weil viele Menschen auch viel konsumieren, belegen diese Zahlen, wie wichtig Schwule und Lesben als Wirtschaftsfaktor für Berlin sind.

Im Auftrag des CSD wurde 2001 in einer Umfrage festgestellt, dass die rund 500 000 Besucher der Straßenparade einen Tourismuseffekt von 134 Millionen Euro erzielt haben. Von dieser Summe sind 59 Millionen Euro allein dem CSD zuzurechnen – ohne die Veranstaltung wäre dieses Geld also nicht in die Kassen der Berliner Hotels, Gaststätten und Händler geflossen. Zwar hat der CSD seit 2001 keine umfassende Erhebung mehr gemacht, eine kleinere Reisestudie von 2007 deutet aber darauf hin, dass die Entwicklung stabil ist. Nach dem Eindruck von CSD-Sprecher Robert Kastl ist allerdings der Anteil auswärtiger Gäste leicht gestiegen, sowohl aus anderen Teilen Deutschlands als auch international.

Gays gelten als besonders reisefreudig: Die Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) nennt das Beispiel USA, wo nur ein Drittel der Durchschnittsbevölkerung einen Reisepass besitzt – im Gegensatz zu drei Vierteln der homosexuellen Community. Das „Gay-Marketing“ ist bereits seit 2000 fester Bestandteil des BTM-Programms. Dazu gehören Informationen im Internet, aber auch Hotellerie-Schulungen, um Sensibilität zu wecken und Diskriminierungen zu vermeiden. Ein schwules Pärchen sollte an der Rezeption nicht extra nach einem Doppelbett fragen müssen, erklärt BTM-Sprecherin Natascha Kompatzki.

Die Berliner Hotels scheinen da gut aufgepasst zu haben. Zum Christopher Street Day haben viele zielgruppenspezifische Pakete geschnürt. Das Fünfsternehotel „Concorde“ an der Augsburger / Ecke Joachimstaler Straße zum Beispiel offeriert für 175 Euro pro Nacht ein Doppelzimmer, VIP-Tickets zum CSD und ein Jahresabo des schwulen Reisemagazins „Spartacus“. Auf dem Werbeflyer des Angebots genießt ein wohlproportionierter Nackter den Blick auf die Gedächtniskirche. Fünf „Pride Week“-Pakete sind bisher verkauft, das Hotel rechnet damit, dass noch zehn weitere gebucht werden.

In ständigem Gespräch mit Szenevertretern wirbt die BTM auch im Ausland um Homo-Touristen. Der offen schwule Regierende Bürgermeister sei „in der Außenwirkung unbezahlbar“, sagt Sprecherin Kompatzki. Auf der Internetpräsenz des deutsch-englischen Homo-Reiseführers „Out in Berlin“, den die BTM zweimal jährlich in einer Auflage von 100 000 Exemplaren herausgibt, lobt Klaus Wowereit im Grußwort „Toleranz, Weltoffenheit und kulturelle Vielfalt“ als Markenzeichen Berlins. Auch auf internationalen Veranstaltungen hat der Regierende schon für die deutsche Hauptstadt als schwules Reiseziel geworben.

Hauptmärkte sind die USA und Kanada, wo Berlin regelmäßig auf Gay-Reisemessen vertreten ist. Zwar gibt es keine genauen Zahlen, weil die BTM nur Übernachtungen, nicht aber die sexuelle Orientierung der Gäste registriert. Bei einer geschätzten Homosexuellenquote von zehn Prozent der Bevölkerung kann aber mit mindestens 9000 lesbischen und schwulen Briten, 5700 Amerikanern, 5200 Spaniern und 800 Kanadiern gerechnet werden, die von Januar bis Mai in Berlin zu Gast waren. Es gibt spezielle Schwulen-Hotels wie das „Arthotel Connection“ in Schöneberg, das mittlerweile aber auch Heterosexuelle beherbergt, oder das geplante Drei-Sterne-Haus der Hotelkette Axel an der Lietzenburger Straße. Es soll im Frühjahr 2009 öffnen.

Und dann ist da noch die einheimische Community. Dass diese ebenfalls nach der Zehnprozentmethode geschätzten 35 0 000 Berliner eine attraktive, klar eingrenzbare Zielgruppe sind, legt ein Blick in das kostenlose Branchenbuch „Kompass“ nahe, das halbjährlich mit 40 000 Exemplaren erscheint. Von „A wie Aids-Hilfen bis Z wie Zahntechnik“ sind jeweils 800 bis 900 „homofreundliche“ Anbieter aufgeführt.

Alle in diesen „rosa Seiten“ gelisteten Firmen sind Anzeigenkunden des Jackwerth-Verlags mit 18 Angestellten und einem Jahresumsatz von zwei Millionen Euro. Bei Jackwerth erscheinen auch der BTM-Reiseführer „Out in Berlin“, das schwule Magazin „Du & Ich“ (Auflage: 20 000) und die kostenlose „Siegessäule“ – mit einer Auflage von knapp 50 000 Exemplaren das größte schwul-lesbische Stadtmagazin Europas. Exklusiv an lesbische Frauen richtet sich das „L-Mag“, das mit seiner zweimonatlichen Auflage von 15 000 Exemplaren 18 000 Euro Werbeumsatz pro Heft macht. Tendenz steigend.

Dabei herrscht auf dem homosexuellen Zeitschriftenmarkt ein heftiger Wettbewerb. Ein Hauptkonkurrent von Jackwerth ist das kostenlose Monatsmagazin „Blu“ (früher „Sergej“), von dem bundesweit 180 000 und in Berlin 51 500 Exemplare ausliegen. Blu macht nach eigenen Angaben einen Jahresumsatz „im niedrigen einstelligen Millionenbereich“.

Lesben und Schwule sind nicht nur reise- sondern auch überdurchschnittlich ausgehfreudig. Die „Siegessäule“ schätzt, dass monatlich um die 2000 einschlägige Veranstaltungen in der Stadt stattfinden. Die aktuelle Ausgabe verzeichnet 121 Bars und Cafés, acht Buchläden und Videotheken, 47 Adressen zum Tanzen, 40 Restaurants und 32 Adressen von Sexclubs und Pornokinos.

Sogar eine passende Zahlungsmethode gibt es: Die schwule Kreditkarte „PayGay“ ist eine clevere Geschäftsidee. Mit ihr bekommen Kunden nicht nur Rabatte bei Unternehmen in den Bereichen Shopping, Kultur und Reisen. Die Berliner Betreiber spenden nach eigenen Angaben jährlich „fünfstellige Beträge“ an schwule und lesbische Initiativen und fördern Szeneveranstaltungen. So wird jeder Einkauf mit der Kreditkarte auch gleich zum Statement für die Community.

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