Sprachkenntnisse : Berliner Schnauze wird international

Ob Modemesse oder Leichtathletik-WM - für Berliner Beschäftigte in der Hotellerie, im Handel oder für Taxifahrer sind Großereignisse auch immer eine Sprachprobe. Das haben die Arbeitgeber erkannt und verlangen häufiger Fremdsprachenkenntnisse.

Cay Dobberke,Katja Gartz
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Sprachbegabter Portier. Karl-Heinz Richter ist seit 1995 der KaDeWe-Doorman. Der Anstecker auf seiner Uniform zeigt die fünf...

In sechs Wochen, wenn die Leichtathletik-WM beginnt und Sportfans aus aller Welt auch Einkaufsbummel in Berlin machen dürften, wird Karl-Heinz Richter im KaDeWe wieder besonders gefragt sein. Denn der Empfangschef spricht auch Englisch, Französisch, Spanisch, Polnisch und Russisch. Das können Kunden, die eine Beratung wünschen, an den Flaggensymbolen auf dem Anstecker seiner Uniform erkennen. Der 64-jährige Diplom-Dolmetscher steht meistens am Haupteingang, wird aber auch von Kollegen um Hilfe in den Abteilungen und an den Kassen gebeten. Darüber hinaus wurden die Etagenpläne an den Treppen in 18 Sprachen übersetzt. „Das kommt sehr gut an“, sagt Richter. Zuletzt seien Hebräisch und Griechisch hinzugekommen.

Wegen der wachsenden Touristenzahlen werden Fremdsprachenkenntnisse immer wichtiger für den Handel, die Hotellerie und Gastronomie, für Dienstleister und Verkehrsbetriebe. Auch deshalb haben die Flughafengesellschaft und der Senat die „Qualitätsoffensive“ für Taxis am Flughafen Tegel beschlossen, die am heutigen Mittwoch in Kraft tritt und außer Sauberkeit, Sicherheit und Freundlichkeit auch Englischkenntnisse verlangt. Fahrerproteste führten allerdings dazu, dass Letztere nun doch nicht zwingend werden – sie sind nur noch „erwünscht“.

Ein kostenloser Onlinedienst soll dazu beitragen, die wichtigsten Vokabeln aus Fremdsprachen zu erlernen: Das neue Portal www.service-in-the-city.eu bietet Verkäufern, Kellnern, Hotelmitarbeitern und Taxifahrern die Möglichkeit, sich „übers Internet fit in Fremdsprachen zu machen“. Nach Branchen gegliedert, listet es typische Worte und Dialoge in Französisch, Spanisch und Italienisch auf; mit Hörproben und Videos kann die Aussprache geübt werden. „Auch osteuropäische Sprachen sind geplant“, sagt Sonja Heimeier, IHK-Branchenkoordinatorin für Tourismus und Gastgewerbe. Das Internetportal setze die Initiative „Service in the City“ fort, die zur Fußball-WM 2006 eine Sprachen-CD herausgebracht hatte. Beteiligt sind IHK, Wirtschaftsverwaltung, die Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner, der Hotel- und Gaststättenverband sowie der Handelsverband.

„In großen Hotels sprechen alle Mitarbeiter am Empfang und im Service Englisch“, sagt Geschäftsführer Thomas Lengfelder vom Hotel- und Gaststättenverband. Mitarbeiter müssten sich aber auch selbst um ihre Sprachenkompetenz bemühen.

In den Tourismusinformationen der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) können sich die meisten Gäste in ihrer Muttersprache beraten lassen: Von Englisch und Spanisch über Russisch und Türkisch bis hin zu Japanisch und Chinesisch beherrschen Mitarbeiter elf Sprachen. Diesen Service bietet die BTM auch im Internet. Bei internationalen Großveranstaltungen sind zudem ehrenamtliche und mehrsprachige Helfer an zentralen Orten unterwegs – darunter viele Studenten. Auch bei der Leichtathletik-WM kommen sie zum Einsatz. BTM-Sprecher Christian Tänzer urteilt, seit der Fußball-WM habe sich vieles verbessert. Demnach war die vom Bund finanzierte Service- und Freundlichkeitskampagne vor drei Jahren nicht vergeblich.

Heute gibt es Dampferfahrten mit deutschen und englischen Ansagen. Wer zum Flughafen oder Hauptbahnhof mit Bus oder Bahn fährt, wird zweisprachig informiert. „Im Vergleich mit anderen Städten steht Berlin gut da“, sagt Tänzer, der regelmäßig ausländische Gäste, Geschäftsleute und Journalisten befragt.

Fremdsprachenkenntnisse sind in großen Hotels und renommierten Restaurants selbstverständlich. „Englisch und eine zweite Fremdsprache werden bei unseren Mitarbeitern, die Kontakt zu Gästen haben, vorausgesetzt“, sagt Uta Walter vom Hotel Palace. Manche Beschäftigte des Fünf-Sterne-Hauses an der Budapester Straße beherrschen zudem Arabisch, Hebräisch, Thailändisch und sogar die afrikanische Sprache Wolof.

Während die BTM und das Hotel Palace ihren Mitarbeitern Sprachkurse anbieten, müssen viele andere ihre Kenntnisse auf eigene Kosten verbessern. Rund 50 Sprachschulen gibt es in Berlin. „Besonders gefragt sind berufsorientierte Sprachkurse“, sagt Barbara Jaesche, Geschäftsführerin und Gründerin der Global-Language-Services-Sprachschule (GLS) in Prenzlauer Berg. Deutsche Teilnehmer wollen Konferenzen und Präsentationen auf Englisch halten. Außerdem liegen Spanisch, Japanisch und Chinesisch bei den jährlich rund 5000 GLS-Schülern im Trend. „Berufstätige wollen Zusatzqualifikationen erwerben, weil ihr Arbeitsplatz nicht mehr sicher ist“, sagt Jaeschke. Auch immer mehr Arbeitslose wollen mit einem Sprachkurs ihre Jobchancen verbessern. Ebenso nutzen Unternehmen die Kurzarbeit, um ihre Mitarbeiter zu schulen. Laut Jaesche verzeichnet die GLS-Sprachschule, die über einen Campus mit Restaurant, Cafeteria, Hotel und Buchladen verfügt, jährlich ein Wachstum von 15 Prozent. Dazu tragen viele Schüler aus dem Ausland bei, die Deutsch lernen wollen. Sie sind im Durchschnitt 28 Jahre alt und stammen vor allem aus der französischen Schweiz, Südamerika, Spanien und Schweden.

Thorsten Wins, Direktor der Berlitz- Sprachschule in Charlottenburg, bestätigt den wachsenden Bedarf an beruflicher Zusatzqualifikation durch Sprachen. Nach Ansicht von Uwe Stänger, Geschäftsführer der Sprachenschule Prolog in Schöneberg, werden Chinesischkenntnisse wegen der wirtschaftlichen Interessen von Firmen immer wichtiger. Doch auch Dänisch- und Schwedischkurse seien gefragt. „Arbeitsmigranten aus Deutschland, darunter viele Mediziner, wollen sich auf ihren künftigen Lebensort vorbereiten“, sagt Stänger. Von seinen jährlich rund 3000 Schülern zahlen etwa die Hälfte selbst; bei 30 Prozent werden die Kosten von Arbeitgebern und bei den übrigen von der Arbeitsagentur gedeckt.

Dass selbst rudimentäre Sprachkenntnisse nützlich sind, erlebte neulich BVG-Sprecherin Petra Reetz in einem Bus. Als Touristen die Mitteltür blockierten, rief der Fahrer: „Freedom for the middle door!“ Das war zwar sehr holprig – doch es half sofort.

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