Standort Berlin : Aus eigener Herstellung

Beruhigend: Klosterfrau Melissengeist kommt aus Marienfelde. Und wer weiß schon, dass Wodka Gorbatschow allein in Berlin produziert wird. Als Industriestandort wird die Stadt oft unterschätzt. Doch viele bekannte Produkte stammen von hier.

Sabine Hölper

Fragt man einen Berliner, was ihm spontan zur Wirtschaft in der Hauptstadt einfällt, dann wird er vielleicht Dienstleistungen sagen, oder auch: Kreativwirtschaft. An Industrie denkt er sicher nicht. Und wenn doch, dann wird er womöglich deren Niedergang beklagen. Schließlich sind die Meldungen von Werksschließungen und Arbeitsplatzabbau noch frisch. Zuletzt kündigte Reemtsma an, die Zigarettenfabrik in Schmargendorf mit 420 Beschäftigten zu schließen. Wenige Wochen zuvor gaben die US-Unternehmen Emerson Climate Technologies und Tyco Electronics Raychem bekannt, ihre Werke ins Ausland zu verlagern. Mehr als 200 Mitarbeiter sind betroffen. Als weitere prominente Beispiele der letzten Jahre gelten JVC, CNH und Samsung. Mit Schließung der Produktionsstätten verloren 1150 Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze.

Fragt man Wirtschaftsvertreter, ergibt sich ein ganz anderes Bild, die Schließungen gelten als Einzelfälle. „Berlin ist als Industriestandort sehr attraktiv“, sagt Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke). Für die Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB) ist die Industrie gar der „Wachstumsmotor der Stadt“.“ Nicht um die Industrie stehe es schlecht, sondern um ihr Image. „In der Öffentlichkeit gibt es noch eine Schere zwischen der wirklichen und der gefühlten Bedeutung“, so UVB-Sprecher Thorsten Elsholtz.

Tatsächlich werden in Berlin etliche Produkte gefertigt, die weit über die Region hinaus bekannt sind. Aber wer weiß schon, dass Wodka Gorbatschow allein in Berlin produziert wird oder Philip Morris in Neukölln 1200 Mitarbeiter beschäftigt, die 60 Milliarden Zigaretten pro Jahr fertigen. Auch das Hamburger Unternehmen Beiersdorf lässt hier produzieren. Die Tochterfirma Cosmed-Produktions GmbH stellt jährlich 120 Millionen Flaschen Nivea-Duschbäder und -Shampoos her. Gillette fertigt täglich tausende Rasierköpfe, rund 1000 Mitarbeiter sind im Tempelhofer Werk beschäftigt. Bahlsen produziert Kekse in Berlin, Stollwerck Schokolade, BMW Motorräder und Klosterfrau rührt am Standort Marienfelde nicht nur den gleichnamigen Melissengeist an, sondern stellt auch Arzneimittel wie Neo-Angin oder Taxofit her. Selbst das Münchner Traditionsunternehmen Alois Dallmayr hat in Berlin seine größte Kaffeerösterei.

Natürlich können die Beispiele nicht darüber hinwegtäuschen, dass die industrielle Basis niedrig ist: 87 000 Mitarbeiter beschäftigt das Verarbeitende Gewerbe derzeit. Im Vergleich zu 1989 ist das weniger als ein Drittel und im Vergleich mit dem Dienstleistungssektor marginal. Nicht einmal zehn Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten in der Industrie. Doch es geht bergauf. Zwischen 2004 und 2007 stiegen die Umsätze um gut fünf Prozent. Noch deutlicher wurde der Aufwärtstrend Anfang dieses Jahres. Im April erhöhte sich der Umsatz gegenüber dem Vorjahresmonat um 14,3 Prozent, das Plus an Aufträgen betrug 15,8 Prozent.

Im ersten Quartal 2008 stieg die Anzahl der Industriearbeitsplätze erstmals wieder um 2,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Der durchschnittliche Umsatz je Mitarbeiter wuchs seit 2004 von knapp 300 000 auf fast 350 000 Euro.

Verantwortlich für den Aufschwung sind junge Firmen junger Branchen wie die Solarmodulproduzenten Solon und Inventux Technologies. Solon steigerte seinen Umsatz im ersten Quartal des Jahres um 115 Prozent auf 161,6 Millionen Euro und stockte die Belegschaft von 700 auf 800 Mitarbeiter auf. Inventux ging erst vor wenigen Monaten in Marzahn an den Start, hat 49 Millionen Euro investiert und 69 Mitarbeiter eingestellt. Bis Ende des Jahres sollen es laut Sprecher Thorsten Ronge 124 Mitarbeiter sein.

Aber auch viele Traditionsbetriebe sind gut aufgestellt und investieren. Allerdings gehören Firmen wie Knorr-Bremse, das die Belegschaft in Berlin bis Jahresende um rund neun Prozent auf 520 Mitarbeiter aufstocken will, zu den Ausnahmen. „Das Gros investiert statt in Arbeitskräfte in neue Prozesse und Technologien“, so Daniel Fiebig, Branchenkoordinator Industrie bei der IHK Berlin.

Ein Beispiel ist die Firma Brose, die mit rund 270 Beschäftigten Kühlerlüftermodule für die KfZ-Branche herstellt. Laut Werksleiter Wolfgang Cunäus soll nur moderat Personal aufgebaut werden, in erster Linie sind „Investitionen in technologische Ausrüstungen und ins Gebäude“ geplant. Andere Firmen wollen sogar Personal abbauen. Siemens wird in Berlin 350 der rund 13 000 Stellen streichen, bei BMW sollen 70 der 2300 Beschäftigten über Fluktuation abgebaut werden. Trotzdem betonen beide Konzerne, der Standort stehe nicht zur Disposition. „Die Werke sind ausgelastet, wir arbeiten seit kurzem sogar wieder im Drei-Schicht-Betrieb“, sagt Siemens-Sprecherin Ilona Thede. Der Stellenabbau betreffe Verwaltung und Vertrieb, für Facharbeiter und Ingenieure gebe es dagegen 200 offene Stellen. Und BMW will laut Sprecherin Doerte Einicke „30 Millionen Euro in die Zukunftsfähigkeit des Werkes investieren“.

Die Standortvorteile erklärt Berlin-Chemie-Vorstand Reinhard Uppenkamp, dessen Firma die Arzneimittelproduktion in diesem Jahr um 19 Prozent steigern will: „Hier finden wir die Rahmenbedingungen für eine Hightech-Produktion vor.“ Damit meint er neben „hochqualifizierten Mitarbeitern“ vor allem die „Vielzahl von Dienstleistern“.

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