Tourismus : Keine Angst vor leeren Betten

Die Touristenzahlen stagnieren neuerdings, aber Hoteliers und Investoren setzen weiter auf Wachstum.

Cay Dobberke,Liva Haensel

So schnell sind Berliner Hoteliers nicht zu erschrecken: Die Tourismusbranche bleibt optimistisch, obwohl der jahrelange Anstieg der Übernachtungszahlen im ersten Halbjahr 2008 auf nur noch 1,9 Prozent schrumpfte und es im Juni sogar einen Rückgang um 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr gab. „Das ist ein Ausrutscher“, sagt Achim Marowsky, der im Herbst 2009 das erste hiesige „easyHotel“ am Hackeschen Markt in Mitte eröffnen will. „Im Budgetbereich gibt es noch große Möglichkeiten, nur der Markt für Vier-Sterne-Hotels ist bald gesättigt.“

Marowsky plant zwei weitere Standorte, die er aber noch nicht nennen will. Seine i.gen hotels GmbH ist Franchisenehmer der easy-Gruppe, die vor allem als Billigfluglinie (easyJet) und Betreiber von Internetcafés bekannt wurde. Passend dazu werden Zimmer in den easyHotels nur online buchbar sein – zu Kampfpreisen ab 19,95 Euro ohne Frühstück.

„Sehr zuversichtlich“ zeigt sich auch Marketingchefin Sabrina Eilers von der Orco Property Group. Diese will das denkmalgeschützte Haus Cumberland am Kurfürstendamm ab dem Frühjahr 2009 zum Fünf-Sterne-Hotel mit großen Wellnessbereichen und einer Einkaufspassage umbauen. Ein Hotelbetreiber wurde noch nicht gefunden. Eilers setzt jedoch auf den guten Standort: „Die Lage ist das Wichtigste.“ In der City-West gebe es nur wenige Hotels, die hohe Ansprüche vermögender Reisender, etwa aus Dubai, erfüllen könnten. Auf der Suche nach einem Hotelbetreiber sind auch noch die arabischen Investoren des „Zoofenster“-Hochhauses am Bahnhof Zoo. Die Bauarbeiten haben nach langem Stillstand vor kurzem begonnen, eigentlich war der Vertragsabschluss mit einer Hotelkette für das vergangene Frühjahr angekündigt. Doch in der Luxuskategorie scheinen Neuansiedlungen nicht mehr so leicht wie früher.

Im größten Berliner Hotel, dem Estrel in Neukölln, sieht Sprecherin Mihaela Djuranovic die „Tendenz, dass weniger Touristen buchen“. Aber: „Das gleicht sich aus durch steigende Kongressgeschäftszahlen, dort gibt es immer mehr ausländische Anfragen.“ Dadurch sei das Haus gut ausgelastet und an manchen Tagen ausgebucht. Im Vier-Sterne-Bereich dürften sich neue Häuser jedoch „eher nicht mehr“ lohnen, glaubt Djuranovic.

Der Direktor des Hotels Steigenberger am Los-Angeles-Platz, Torsten Karl Schulze, hat im eigenen Haus sogar an ein „deutliches Plus gegenüber dem Vorjahr“ festgestellt – und dies trotz der gerade beendeten Umbauarbeiten in vielen Zimmern. Derzeit sind diese zu rund 60 Prozent ausgebucht. Die Rückgänge in Berlin führt Schulze auf die „gesamtwirtschaftliche Perspektive“ zurück.

„Die Verbraucher sind durch die globale wirtschaftliche Berg- und Talfahrt und Immobilienkrise in einigen wichtigen Märkten stark verunsichert“, bestätigt der Chef der Berlin-Tourismus-Marketing GmbH, Hanns Peter Nerger. Hinzu komme, dass die Billigfluglinien wegen gestiegener Kerosinpreise teurer geworden seien. Die Bettenauslastung betrage durchschnittlich 50 Prozent und „konnte bisher trotz steigender Kapazitäten leicht erhöht werden“. Wie es weitergeht, sei unklar: „Seriöse Prognosen sind so schwer wie nie.“

Derzeit gibt es rund 96 700 Gästebetten in 637 Betrieben. Nicht zuletzt die niedrigen Preise machen Berlin attraktiv: In der Vier-Sterne-Kategorie kostet die Übernachtung durchschnittlich 138 Euro (London: 345 Euro, Paris: 329 Euro). „Das freut den Gast, den Hotelier aber nicht“, sagt Nerger, der gerne höhere Preise durchsetzen würde. Daran sei aber nicht zu denken. Viele Gäste kommen zu Kongressen und Tagungen, hier liegt Berlin weltweit auf Platz zwei nach Wien. Zu den Verlierern gehören inhabergeführte Pensionen. Ihnen macht die Konkurrenz der Niedrigpreishotels zu schaffen. „Das bedauere ich sehr, denn die Pensionen sind berlintypisch und ein charmantes Produkt“, sagt Nerger.

Andreas Becker vom Hostel „The Circus“ in Mitte sieht Nachholbedarf beim Low-Budget-Angebot – und eröffnet im Oktober das „Circus Hotel“ am Rosenthaler Platz mit Preisen ab 60 Euro. Das Hotel punkte mit Design, Komfort und niedrigem Preis für „Menschen zwischen 25 und 40“, verspricht Circus-Managerin Katrin Schönig. Die Hoteleröffnung sei auch eine Antwort auf die „riesige“ Nachfrage nach Zimmern im Low-Budget-Sektor, sagt sie. Allein 2007 hatte das Circus Hostel in Mitte eine Bettenbelegung von 97 Prozent. Die stärkste Besuchergruppe seien Australier, Briten und Amerikaner.

Bunt gemischt ist das Publikum auch im Apartmenthaus Zarenhof an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. Das Hotel in einem Gebäudekomplex aus dem 19. Jahrhundert öffnete im Mai. Die Belegung betrage 60 Prozent, sagt Mitgesellschafter Arthur Litvin. Das Hotel der gehobenen Preisklasse richtet sich an den Mittelstand und Familien. Deshalb besitzt jedes der 60 Appartements im Zarenhof eine Pantryküche zur Selbstverpflegung.

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