Tourismus : Neue Lobby für Berlins Attraktionen

Von Velotaxi bis Fernsehturm: 30 touristische Unternehmen wollen sich politisch mehr Gehör verschaffen.

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Engagierter Reeder. Jürgen Loch, Chef der Stern- und Kreisschiffahrt, sieht die Betreiber der Anziehungspunkte im selben Boot. Im Verband will er die Kräfte bündeln. Foto: Mike Wolff
Engagierter Reeder. Jürgen Loch, Chef der Stern- und Kreisschiffahrt, sieht die Betreiber der Anziehungspunkte im selben Boot. Im...

Berlin ist die Nummer eins unter den deutschen Städtereisezielen, liegt europaweit auf Platz drei hinter London und Paris und macht jährlich neun Milliarden Euro Umsatz mit Besuchern aus aller Welt. Neben der Hotellerie, dem Handel und der Gastronomie könnten auch unter den Stadtrundfahrtveranstaltern und Betreibern von Sehenswürdigkeiten „die meisten gut vom Tourismus leben“, sagt Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Marketinggesellschaft Visit Berlin. Trotzdem sehen einige Unternehmen noch Defizite bei der Vertretung ihrer Interessen – vor allem gegenüber der Politik. Um das zu ändern, wurde soeben der neue Verband „Berlin attractions“ gegründet.

„Die Wahrnehmung der Berliner Attraktionen als Wirtschaftsfaktor kommt zu kurz“, sagt der Geschäftsführer der Stern- und Kreisschiffahrt, Jürgen Loch. Dies sei bereits vor drei Jahren deutlich geworden, als er mit 13 Partnerbetrieben wie dem Zoo, dem Friedrichstadtpalast und dem Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds die Initiative „Berlin Stars“ gegründet hatte. Damals habe man zum Beispiel dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) einen Brief geschrieben und ein Gespräch vorgeschlagen, um sich vorzustellen. „Aber wir haben keine Antwort bekommen.“

Die Betreiber der Attraktionen säßen in der Regel nicht am „Runden Tisch Tourismus“, den der Hotel- und Gaststättenverband und der Regierende Bürgermeister ins Leben gerufen haben, bedauert Loch. Auch bei „Visit Berlin“ sei man kaum eingebunden. „Schuld sind wir selbst, weil wir es bisher nicht geschafft haben, uns zu organisieren.“ Nun aber sei der Verband gut gestartet, nachdem die Ziele vor Unternehmern im Ludwig-Erhard-Haus der IHK vorgestellt worden waren. Zu den neun Gründern – darunter das DDR-Museum im DomAquarée, Velotaxi und Berliner Bären Stadtrundfahrten – gesellten sich rund 20 weitere Mitglieder vom Fernsehturm am Alex bis zu Stage Entertainment. Auch das „Institut für Tourismus Berlin“ der Hochschule für Wirtschaft und Recht ist dabei.

Die Marketinggesellschaft Visit Berlin sei geprägt von der Hotellerie, die über den Verein der „Partnerhotels“ 40 Prozent der Anteile halte, sagt Frank Hellberg, Chef des „Air Service Berlin“. Auch er zählt zum Vorstand des neuen Verbands. „Wir sind kein Big Player, haben aber große Ausstrahlung“, sagt Hellberg über seine Firma mit 16 Mitarbeitern. Bekannt ist diese für Rundflüge mit Doppeldeckern und Helikoptern, Fallschirmsprünge und den Fesselballon „Hi-Flyer“ an der Wilhelmstraße in Mitte.

In etwa zwei Wochen will Hellberg übrigens eine Spendenkampagne für den „Rosinenbomber“ aus der Zeit der Berliner Luftbrücke vorstellen, der im Juni vorigen Jahres bei einer Notlandung zu Bruch gegangen war. Noch steht die Douglas DC-3 unrepariert in einem Hangar in Schönefeld, die Reparaturkosten werden auf eine Million Euro geschätzt. Auch US-Luftbrückenveteranen könnten dafür spenden, hofft Hellberg, der in Kontakt mit der amerikanischen Botschaft steht.

Selbst ohne den berühmten Rosinenbomber kann sich der Chef über steigende Geschäftszahlen freuen. Doch ihm geht es um mehr: „Wir brauchen stärkeren politischen Einfluss.“ Hellberg denkt dabei an eigene „bürokratische“ Erfahrungen mit dem Ex-Baustadtrat von Mitte, Thomas Flierl: Dieser habe gegen den Startplatz des „Hi-Flyer“-Ballons einst einen mehrmonatigen Baustopp verhängt, „weil Sichtachsen gestört würden“.

Immer wichtiger würden Online-Buchungen und einheitliche Ticketsysteme für die Sehenswürdigkeiten, betont der Flugunternehmer. Eine stärkere Vernetzung könne den Weg für Kooperationen beim Kartenverkauf ebnen, glaubt er. Eine zusätzliche Werbeplattform benötige der Berlin-Tourismus dagegen nicht: „Es geht uns weniger ums Marketing.“

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) begrüßt, dass „dem freiwilligen Engagement Tür und Tor geöffnet wird“. Die Initiative zeige, dass die Tourismusbranche „mit Platz drei in Europa noch nicht zufrieden ist“, lobt der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Christian Wiesenhütter. Erfreulich sei zudem, dass sich der Verband nicht gegen andere Akteure stelle, sondern die Zusammenarbeit suche. Außerdem sei denkbar, dass die Betreiber der Attraktionen ganz neue Ideen entwickeln, um gemeinsam noch mehr Publikum anzulocken.

Nicht zuletzt geht es auch um eine attraktivere Ausbildung. Im Beruf „Kaufmann/frau für Tourismus und Freizeit“ habe es in der Berufsschulklasse im Vorjahr nur sechs Azubis gegeben, beklagt Reedereichef Loch. „Das ist geradezu lächerlich und unvertretbar.“ Und als er in diesem Frühjahr einen „Qualitätscoach“ beim Weiterbildungsverein „Deutsches Seminar für Tourismus Berlin“ schulen lassen wollte, habe er erfahren, dass dies nur in Hamburg gehe. In Berlin gebe es zu wenige Interessenten, um den Fortbildungskurs zu füllen.

„Hochgradig schädlich“ nennt Loch den Widerstand von Anwohnern gegen den wachsenden Tourismus, der sich zuletzt vor allem in Kreuzberg nach einer Veranstaltung der Grünen unter dem Motto „Hilfe, die Touris kommen!“ formiert hat. Große Zeitungen in England und den USA hätten berichtet, dass Berlin die Touristen „nicht mehr will“. Es liege nun auch beim neuen Verband, diesen Eindruck wieder zu korrigieren. Aber: „Auch wir wollen uns nicht über Bedürfnisse von Anwohnern hinwegsetzen und begrüßen keine Saufexzesse.“

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