Tourismus : Wohnung statt Hotel

Übernachtungsbranche wehrt sich gegen neue Konkurrenten: Hausbesitzer, die an Urlauber vermieten.

Cay Dobberke

Berlin - Der Tourismus-Boom in Berlin hält trotz der Wirtschaftskrise an: „2009 wird das erfolgreichste Jahr aller Zeiten“, sagt Christian Tänzler, Sprecher der Berlin Tourismus Marketing Gmbh (BTM). Die Zahl der Übernachtungen liege fünf bis sechs Prozent über der des Vorjahrs. Doch weil ständig neue Unterkünfte entstehen, bleiben die Bettenbelegungen konstant und die Preise im internationalen Vergleich niedrig. Besonders ärgerlich findet der Hotel- und Gaststättenverband Berlin die „wettbewerbsverzerrende“ Konkurrenz durch Immobilieneigentümer, die Wohnungen als Ferienwohnungen anbieten. Jetzt will der Senat die Betriebsverordnung für solche gewerblichen Vermietungen verschärfen.

Bis Mitte 2010 würden die Vorschriften hinsichtlich der Sicherheit, des Brandschutzes und der Hygiene geändert, bestätigte Sprecherin Petra Rohland von der Stadtentwicklungsverwaltung. Es gehe unter anderem um Fluchtwege und Feuerlöscheinrichtungen, die Einzelheiten stünden noch nicht fest.

Laut Thomas Lengfelder, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands, sind aber auch Beschränkungen bei der Zahl der Ferienwohnungen im Gespräch. Er fordert, dass ein Anbieter nicht unbegrenzt viele Wohnungen in Berlin an Reisende vermieten darf und auch Grenzen innerhalb eines Hauses gesetzt werden – zum Beispiel ein maximal 30-prozentiger Anteil an Ferienwohnungen. Er wisse von Häusern, in denen „nur noch ein bis zwei Mieter wohnen“, weil das den Besitzern im Vergleich deutlich höhere Einnahmen beschert. Auch gebe es „immer mehr Anbieter, die bis zu 100 Ferienwohnungen verteilt auf mehrere Gebäude professionell vermarkten“. Auch bei der Meldepflicht sei eine Gleichbehandlung nötig – bisher sei es nur für die Hotels und Pensionen vorgeschrieben, dass Gäste sich eintragen müssen.

Bewohner betroffener Häuser und Mietervertreter unterstützen die Forderungen. So entstand im Frühjahr die „Bürgerinitiative Wilhelmstraße Berlin Mitte“, die regelmäßige Belästigungen durch Lärm und Dreck beklagt. Die Gehag hatte die Plattenbauten an der Wilhelmstraße vor fünf Jahren an die B.Ä.R. Grundstücksgesellschaft veräußert, seitdem verwandeln sich viele der 900 Wohnungen nach und nach in Ferienappartements. Ob die strengeren baulichen Vorschriften daran etwas ändern werden, ist unklar; von der Firma war am Dienstag keine Stellungnahme zu erhalten.

Auch Wohnungsbaugesellschaften vermieten inzwischen an Touristen, allerdings in kleinerem Ausmaß. Die Gewobe zum Beispiel, eine Tochtergesellschaft der Degewo, hat stadtweit 14 Ferienwohnungen – darunter allein acht in der Autobahnüberbauung an der Schlangenbader Straße in Wilmersdorf. „Es läuft richtig gut, die Auslastung liegt konstant über 50 Prozent“, sagt Degewo-Sprecher Michael Zarth. Deshalb erwäge man bereits, die Sondervermietungen auszuweiten. Da es sich um „ehemals ganz normale Wohnungen“ handele, böten die Räume auch einen entsprechenden Standard und hohe Qualität. Nur bei Fluchtwegen und deren Ausschilderung seien eventuell Veränderungen nötig, wenn die Vorschriften den Hotelbetrieben angeglichen werden.

Bei anderen Anbietern gebe es dagegen häufig Probleme wie „starken Schimmelpilzbefall, ungesicherte Steckdosen und freiliegende Elektrokabel“, sagt Verbandsgeschäftsführer Lengfelder. Feuerlöscher hätten sich oft als defekt erwiesen, Fluchtwege seien verstellt worden. Auch die Sauberkeit sei nicht überall gewährleistet. Deshalb sei „das gute Image der Berliner Hotellerie“ bedroht.

Aus der Wirtschaftsverwaltung heißt es, man teile die Bedenken und stimme sich mit der Stadtentwicklungsverwaltung ab. „Privater Wohnraum wird aus attraktiven Lagen verdrängt und der Dumpingwettlauf bei den Preisen verschärft“, sagt Sprecher Stephan Schulz.

Berlins Tourismuswerber betonen, es gehe um „schwarze Schafe“, nicht um alle Vermieter. „Man muss differenzieren: Die seriösen Anbieter tragen die touristische Infrastruktur mit“, sagt BTM-Sprecher Tänzler. Tatsächlich „vermitteln auch wir Ferienwohnungen“: Auf der Internetseite www.visitberlin.de findet sich eine Liste mit Appartements ausgewählter Anbieter.

Die Preise beginnen in Innenstadtlagen bereits bei 50 bis 60 Euro je Übernachtung. Teilen sich mehrere Reisende die Wohnung, sinken die Kosten pro Person zum Teil noch weiter. In der Regel gehört neben Wohn- und Schlafzimmer eine Küche oder Kochnische zum Angebot, ein Frühstücksservice dagegen nicht. Die von der Bundesregierung geplante Senkung der Mehrwertsteuer für Übernachtungen von 19 auf sieben Prozent wird übrigens auch für Ferienwohnungen gelten. Appartements liegen nicht nur in Wohnhäusern im Trend: An der Lietzenburger Straße in Wilmersdorf wurde gerade das „Adagio City Aparthotel“ eröffnet, das nicht ganz so billig ist, dafür aber auch mehr Service bietet.

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