Berliner Wirtschaft : Verantwortung auf Probe

Immer häufiger dürfen Auszubildende selbst Filialen leiten

Rita Nikolow

Der Tegeler Vodafone-Shop war im Januar fest in der Hand der Azubis: In Eigenregie haben sich 17 Lehrlinge um Dienstpläne gekümmert, Ware nachbestellt, den Laden dekoriert und die Kunden betreut. „Der Monat hat uns riesigen Spaß gemacht, und wir haben viel gelernt“, erzählt die 21-jährige Jennifer Hennig, die bei Vodafone zur Einzelhandelskauffrau ausgebildet wird. Als stellvertretende Filialleiterin musste Jennifer Hennig auch Mitarbeitergespräche führen und Teambesprechungen leiten – der echte Filialleiter stand für Notfälle bereit, hielt sich aber im Hintergrund. „Es wäre schön, wenn das Projekt noch länger dauern würde“, sagt die Auszubildende.

Das Projekt „Azubis leiten Filiale“ hat sich für das Kommunikationsunternehmen auch finanziell gelohnt: Die Azubifiliale an der Tegeler Gorkistraße erzielte im Januar das beste Ergebnis aller Berliner Vodafone-Filialen. Im Sommer sollen die Azubis erneut für vier Wochen eine Filiale übernehmen. Die Senatsverwaltung für Bildung begrüßt das Modell der Ausbildungsfilialen: Ähnliche Projekte großer Berliner Filialisten wie Kaiser’s, Reichelt und Lindner hätten gezeigt, dass die Verantwortungsbereitschaft der Auszubildenden während der Projektzeit stark zunehme, sagte ein Sprecher der Bildungsverwaltung.

Der Buchfilialist Hugendubel hat im vergangenen Jahr sogar eine ständige Ausbildungsfiliale in Berlin eingerichtet: Insgesamt 12 Auszubildende – vier pro Lehrjahr – betreuen das Geschäft an der Neuköllner Karl-Marx-Straße im Einkaufszentrum Neukölln Arcaden. „Die Verantwortung der Lehrlinge steigt mit jedem Ausbildungsjahr“, erklärt Sebastian Blenninger, Regionalleiter von Hugendubel. Ab dem zweiten Lehrjahr kümmern sich die Azubis um den Einkauf des Sortiments, im dritten Jahr übernehmen sie dann auch die Aufgaben eines Filialleiters, etwa die Marketingplanung. Momentan stehen den Auszubildenden zwei Filialleiter und zwei ausgebildete Mitarbeiter zur Seite. „Mit den Aufgaben sind unsere Lehrlinge bisher gut zurechtgekommen“, sagt Blenninger. Die ständige Ausbildungsfiliale soll allerdings nicht nur die Motivation und Belastbarkeit der Azubis stärken, sondern auch dem drohenden Lehrlingsmangel vorbeugen. „In fünf, sechs Jahren wird es deutlich weniger geeignete Bewerber geben“, sagt Sebastian Blenninger. Die Filiale in den Neukölln Arcaden soll deshalb vor allem junge Leute für eine Buchhändlerlehre begeistern, die Abitur gemacht und ein Studium oder eine andere Berufsausbildung absolviert oder abgebrochen haben. „Diese jungen Leute, die häufig schon 24 oder 25 Jahre alt sind, sollen in der Karl-Marx-Straße schneller und stärker in die Verantwortung mit einbezogen werden“, sagt Blenninger.

Im August kommen die ersten Hugendubel-Azubis ins dritte Lehrjahr: Dann wird sich zeigen, wie sich die Lehrlinge als Filialleiter machen – und das nicht nur für vier Wochen. Rita Nikolow

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