Berliner Wirtschaft : Versteckte Kamera

Toufic Beyhum, 32, war monatelang mit seiner Kamera unterwegs und hat wildfremde Menschen in der Berliner U-Bahn aufgenommen: Studentinnen, Rentner, gestylte Schlipsträger, einen Mann, der über seinem Buch eingeschlafen war. Tätowierte, Barfüßige, Glückliche und Betrübte.

Sebastian Leber

Die beiden waren so miteinander beschäftigt, sie haben gar nicht gemerkt, dass im Abteil noch andere Fahrgäste saßen. Und dass eine Kamera auf sie gerichtet war. Sie küssten und küssten sich, so leidenschaftlich, ein Wahnsinn, sagt Toufic Beyhum. Wahrscheinlich hätten sie nicht mal mitbekommen, wenn Beyhum noch Scheinwerfer für die optimale Beleuchtung aufgestellt hätte.

Toufic Beyhum, 32, war monatelang mit seiner Kamera unterwegs und hat wildfremde Menschen in der Berliner U-Bahn aufgenommen: Studentinnen, Rentner, gestylte Schlipsträger, einen Mann, der über seinem Buch eingeschlafen war. Tätowierte, Barfüßige, Glückliche und Betrübte. Herausgekommen sind 138 persönliche Porträts, jedes wirkt authentisch. Was allerdings auch kein Wunder ist: Beyhum hat seine Modelle vor der Aufnahme nicht um Erlaubnis gefragt, sondern einfach auf den Auslöser gedrückt. „Sonst wäre es unmöglich gewesen, solche Bilder hinzubekommen.“

Zuerst fotografierte Beyhum nur morgens auf dem Weg zur Arbeit – er ist bei einer Werbeagentur angestellt –, später auch in seiner Freizeit, abends, am Wochenende. Selbst in der Silvesternacht fuhr Beyhum U-Bahn und fotografierte. „Ein kleines bisschen besessen“ sei er gewesen, grinst er. Entstanden ist nichts weniger als eine sehenswerte Liebeserklärung an die liberale Metropole Berlin. Mit Schnappschüssen von faszinierenden Bewohnern, die meisten würde man gerne näher kennenlernen. Beyhum sagt, dass er von jeder aufgenommenen Person stets das schönste Foto ausgesucht hat. Und tatsächlich sieht selbst der leichenblass geschminkte Grufti auf seine Art gut aus. Vom Kind im Batman-Ganzkörper-Anzug bis zum tätowierten Rocker sind die Motive beste Berlin-Werbung. Und man hat den Eindruck, dass hier kein Voyeur am Werk war, sondern ein Menschenfreund. Einer, der sich wirklich für seine Mitmenschen interessiert.

In keiner anderen Stadt hätte man das so hinbekommen, sagt der Fotograf. Er kann das beurteilen, Toufic Beyhum ist in Beirut geboren, in London aufgewachsen, später hat er in Dubai gearbeitet. In London etwa sähen die Menschen in der U-Bahn alle sehr ähnlich aus, sagt er. „Das liegt daran, dass sie ihre Kleidungsstücke in denselben Läden kaufen.“

Auf seine Idee kam Beyhum gleich nach dem Umzug nach Berlin, an seinem ersten Arbeitstag in der neuen Stadt. Da saßen ihm in der Bahn zwei betrunkene junge Frauen gegenüber, die sich einen Becher Eiscreme teilten. Die eine benutzte ihre Fahrkarte als Löffelersatz, die andere den Deckel ihres Deodorants. So ein Motiv wollte er sich nie wieder entgehen lassen.

Sein Hobby hat Toufic Beyhum inzwischen etwas eingeschränkt, er hat geheiratet und kann jetzt abends nicht mehr so lange in der U-Bahn unterwegs sein. Aber die Kamera hat er trotzdem noch dabei. Auf jeder Fahrt. Man weiß schließlich nie, wer an der nächsten Station in den Wagen steigt.











— Toufic Beyhum:
Emotions in motion. Jovis Verlag, Berlin. 160 Seiten, 138 Farbfotos, 22 Euro.

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