Wirtschaftsklima : Häusersanierung könnte Konjunktur beleben

Neue Jobs in der Krise: Gebäudesanierungen können die Klimabilanz verbessern und die Konjunktur beleben.

Stefan Jacobs
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Die Konjunktur kühlt ab, Unternehmer müssen sich warm anziehen, und viele Indizien deuten auf zunehmend frostiges Wirtschaftsklima hin. Schirme werden aufgespannt, Pakete geschnürt. Was dabei relativ wenig beachtet wird: Jetzt ist – oder wäre zumindest – vielleicht der bestmögliche Zeitpunkt, Häuser und Wohnungen warm einzupacken. Private, gewerbliche und öffentliche Investoren könnten das gewaltigste Konjunkturprogramm seit der Wiedervereinigung auslösen, wenn sie nur wollten.

Eine gerade veröffentlichte Untersuchung des Projektmanagers THP zeigt das Potenzial: 36 Milliarden Euro würde es kosten, den gesamten Berliner Wohnungsbestand energetisch zu sanieren. Dem stünde eine jährliche Einsparung von zwei Milliarden Euro Energiekosten gegenüber. Zugleich würde sich laut der Studie der jährliche CO2-Ausstoß Berlins um sieben Millionen Tonnen reduzieren. Das entspräche einem Drittel der gesamten Berliner Emission.

Mag sein, dass diese Erwartung sehr optimistisch ist. Aber auch ein paar offensichtliche Berliner Charakteristika rechnet die Studie in konkrete Vorteile um: Dank des großen Anteils von Mehrfamilienhäusern müssten in Berlin nur 276 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche aufgewandt werden – gegenüber 346 Euro im Bundesdurchschnitt. Und weil viele Berliner Gebäude nicht nur relativ kompakt, sondern auch besonders modernisierungsbedürftig seien, liege das jährliche Einsparpotenzial mit 188 Kilowattstunden pro Quadratmeter über fünf Prozent höher als im deutschen Mittel.

Noch gar nicht berücksichtigt ist der Sanierungsstau bei den öffentlichen Gebäuden. Mehr als 160 Millionen Euro gibt das Land allein für deren Energieversorgung jährlich aus. Seit Monaten prüft der Senat eine Erlaubnis für Landesunternehmen, zweckgebundene Kredite für energetische Sanierungen aufzunehmen. Die Grünen fordern seit langem ein entsprechendes Programm, zumal die Rückzahlung über die Energiekostenersparnis gesichert wäre. Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) sprach sich in der vergangenen Woche dafür aus, bis zum Jahresende klare Bedingungen dafür zu schaffen und die nicht ausgeschöpften Investitionsmittel – in diesem Jahr gut 90 Millionen Euro – auch für energetische Sanierungen zu verwenden: „Damit bleibt das Geld in der Region und dient zugleich einem guten Zweck.“

Wie groß der öffentliche Sanierungsstau tatsächlich ist, soll die landeseigene Immobiliengesellschaft BIM bis zum Frühjahr ermitteln. Bereits bekannt sind drei Millionen Euro Bedarf für 20 Justizgebäude. Und für die rund 300 städtischen Kitas meldeten die Eigenbetriebe kürzlich einen Minimalbedarf von 60 und ein Optimum von 120 Millionen Euro.

In einem ersten Anlauf hat der Senat von den Bezirken 255 besonders sanierungsbedürftige Liegenschaften gemeldet bekommen. Zunächst sollen 33 davon modernisiert werden: Mit knapp 30 Millionen Euro von Bund und Land werden jährliche Energiekosten von gut 600 000 Euro und knapp 1800 Tonnen CO2-Emission vermieden.

Wirtschaftsverbänden reichen die Aktivitäten des Landes bei weitem nicht aus. „Berlin muss in dieser konjunkturell schwierigen Phase geplante Investitionen vorziehen“, fordert Henrik Vagt, Energieexperte bei der Industrie- und Handelskammer. „Es gibt ein Dutzend Förderprogramme, die auch vom Land abgerufen werden könnten“, sagt der IHK-Mann und zitiert aus einem Gutachten der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW): Die 2,1 Milliarden Euro aus deren CO2-Gebäudesanierungsprogramm hätten im vorigen Jahr bundesweit rund 35 000 Menschen Arbeit verschafft, darunter 1300 in Berlin. Als Faustregel gilt bei der IHK, dass eine Million Euro Investition die Jobs von 16 bis 19 Menschen für ein Jahr sichert. Die Berliner Handwerkskammer rechnet sogar mit 30 „Personenjahren“ für den gleichen Betrag. Die Abweichungen können daher kommen, dass beispielsweise die Dämmung einer Fassade zwar mit relativ viel Arbeit, aber nicht allzu hohen Materialkosten verbunden ist.

Doch nicht nur Behörden tun sich schwer, sondern auch Privatleute und Unternehmer. „Oft wissen die Leute einfach nicht Bescheid und überlegen trotz steigender Energiekosten noch, ob sie anderswo sparen können“, sagt Vagt. Und da jeder zweite Hausbesitzer laut Statistischem Bundesamt älter als 60 Jahre sei, ließen sich auch Privatleute nicht immer leicht zu Energiesanierungen animieren.

Der Umweltberater der Handwerkskammer, Martin Peters, sieht spezielle Berliner Defizite: Die gigantischen öffentlichen Heizkosten werden aus einem anderen Verwaltungstopf bezahlt als die Investitionsmittel, und seit Jahren gültige Gesetze würden zwar nach und nach weiter verschärft, aber praktisch in Berlin überhaupt nicht kontrolliert.

Sowohl IHK als auch Handwerkskammer bilden Energieberater aus. Die lernen nicht nur technische Möglichkeiten, sondern auch Vorschriften und Fördermöglichkeiten kennen. Von allen gibt es reichlich, so dass jede Energiesanierung sorgfältig geplant sein will. Darüber, dass Fördermittelquellen vorzeitig versiegen könnten, muss sich dagegen momentan niemand Gedanken machen. Die „Förderampel“ des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle beispielsweise steht auch gut einen Monat vor dem Jahresende noch auf Grün: Von den 350 Millionen Euro, die in diesem Jahr zur Förderung erneuerbarer Energien im Wärmemarkt bereitstehen, sind demnach erst 49 Prozent abgerufen worden.

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