Wirtschaftslage : Berlin ist bisher krisenfest

Christian Amsinck, Chef der Unternehmensverbände, sieht die Wirtschaft in guter Verfassung.

Cay Dobberke

Berlins Industrie hat sich in der Wirtschaftskrise besser behauptet als andere Regionen: Nach jüngsten Zahlen gab es im ersten Halbjahr zwar einen Umsatzrückgang von 2,4 Prozent, doch das bundesweite Minus lag mit 22 Prozent viel höher. Das verarbeitende Gewerbe habe „seine Widerstandsfähigkeit und Robustheit bewiesen“, sagte Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB), im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Es gebe „eindeutige Anzeichen, die Mut machen“ und eine gute Ausgangslage.

Rund 100 000 Arbeitsplätze bieten Berliner Industriebetriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern. Das Amt für Statistik berücksichtigt jedoch nur Firmen mit 50 und mehr Beschäftigten. Davon gibt es 331, die im Juli einen Gesamtumsatz von 1,9 Millionen Euro erwirtschafteten. Laut Amsinck profitiert die Branche davon, dass sie im Vergleich zu Regionen wie Stuttgart, die stark von der Automobilbranche abhängig sind, „breiter aufgestellt“ ist. Es gebe mit dem Pharmabereich einen Schwerpunkt, doch sei dieser „relativ konjunkturunabhängig“: Medikamente und medizinische Dienste würden schließlich immer gebraucht.

Den meisten Betrieben sei es bisher gelungen, ihre Stammbelegschaft zu halten, lobt Amsinck. Auch die Zahl der Kurzarbeiter sei deutlich geringer als in anderen Bundesländern. Amsinck betont den „engen Zusammenhang“ zwischen der Entwicklung der Industrie und der Situation des gesamten Wirtschaftsstandorts. Berlin habe noch eine „erhebliche Arbeitsplatzlücke“, und um mehr Jobs zu schaffen, müsse man das verarbeitende Gewerbe stärker fördern – zumal in der Folge auch Branchen wie Dienstleister und Handwerker profitieren würden. Deshalb habe die Vereinigung der Unternehmensverbände als Spitzenverband der Arbeitgeber mit 60 Mitgliedsverbänden vor kurzem ein „Auftaktgespräch“ mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) geführt. Es gehe darum, in allen Senatsressorts das „Bewusstsein für die Bedeutung der Industrie zu stärken“ und eine „Wirtschaftspolitik aus einem Guss“ zu erreichen.

Wichtig sei zum Beispiel, die Berufsorientierung in Schulen zu verbessern. Dazu habe man im Frühjahr ein Konzept vorgelegt. Es gebe viele Lehrlinge, die schon kurz nach dem Ausbildungsstart enttäuscht vom Beruf seien; besonders groß sei dieses Problem unter jungen Leuten mit Migrationshintergrund. Zugleich leide die Wirtschaft unter Fachkräftemangel. Wenn es so weitergehe, „brauchen wir bald jeden Schulabgänger“.

Ein Comeback der Industrie bedeute keine Rückkehr zu Fabriken alten Typs, sagt Amsinck. Eine Zukunftsbranche sei die Gesundheitswirtschaft mit den führenden Vertretern Bayer-Schering und Berlin-Chemie. Ähnlich bedeutsam sei die Energietechnik, hier reicht das Spektrum von innovativen Solartechnikfirmen bis zu den weltweit gefragten Siemens-Gasturbinen. Zu den namhaften Industriekonzernen gehören neben Siemens auch BMW mit dem Motorradwerk in Spandau, Daimler-Benz in Marienfelde, Bombardier Transportation mit Hauptsitz in Berlin und dem Werk in Hennigsdorf sowie MTU und Rolls-Royce in Ludwigsfelde. Zur Ernährungsindustrie zählen Storck, Bahlsen, die als Pizzahersteller bekannte Freiberger-Gruppe, Kaffeeröster und Getränkefirmen wie Coca-Cola, Spreequell und die Schultheiss-Kindl-Brauerei.

Die Unternehmensverbände begrüßen, dass die Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner nicht mehr nur Firmen ansiedelt, sondern sich auch der Bestandspflege widmet. Dafür will Berlin Partner nun Mitarbeiter in die Bezirke schicken. Amsinck hält es für nötig, „Kompetenzüberschneidungen“ und Bürokratie abzubauen. Dies gelinge zunehmend auch den bestehenden Wirtschaftsförderungen der Bezirke: „In den letzten Jahren ist vieles besser geworden.“ Nach seiner Erfahrung sei die Förderung aber „stark personenbezogen“, der Erfolg hänge vom Stadtrat oder Amtsleiter ab.

Auf die Krise reagiert die UVB mit mehr Beratungen für Firmen. Außerdem setzt man sich für die Auftragsvergabe an regionale Unternehmen ein. Als gelungenes Beispiel nennt Amsinck den Bau des Großflughafens BBI in Schönefeld. Bisher seien „80 Prozent der Aufträge in der Region geblieben“, dies entspreche einem Umsatzvolumen von 1,25 Milliarden Euro. Ein ähnliches Verhältnis erhofft er sich von der anstehenden Vergabe von Hochbauleistungen im Wert von 500 Millionen Euro. Darüber hinaus sei der Flughafen ein „wichtiges Ansiedlungsargument“ für Firmen – von Logistikern bis hin zu Industriebetrieben, die von schnellen Flugverbindungen profitieren. Als Faustregel gelte, dass „eine Million Passagiere 1000 Jobs schafft“.

Als Wegweiser für Firmen in Zeiten der Krise starteten die UVB und Partner wie IHK, Arbeitsagentur, Handwerkskammer und DGB das Internetportal www.berlin-trotzt-der-krise.de. Es bündelt Beratungs- und Hilfsangebote. Eine „Kreditklemme“ sieht Amsinck nicht, allerdings forderten Banken höhere Sicherheiten. Deshalb plädiert er dafür, das Existenzgründerprogramm „Bürgschaft ohne Bank“ auf etablierte Mittelständler auszuweiten. Dabei steht die BBB Bürgschaftsbank zu Berlin-Brandenburg für bis zu 88 Prozent des Kreditbetrags ein.

Zusammen mit den Investitionsbanken beider Länder veranstalten die UVB seit 1995 den Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg (BPW) und fördern damit Gründer. Mehr als 1000 Teilnehmer haben bisher etwa 5000 Jobs geschaffen. In zwei Monaten geht es wieder los, dann startet die Bewerbungsfrist für 2010.

Informationen im Internet:

www.uvb-online.de

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