Zusammenarbeit : Investitionen mit Feng-Shui

Viele Berliner Firmen profitieren vom chinesischen Wirtschaftsboom. Export und Handel laufen bestens Jetzt entdecken immer mehr chinesische Investoren Berlin. Die Politik will das unterstützen.

Matthias Jekosch
feng shui
Die Trickfilmfirma Cartoon-Film setzt wie viele andere Berliner Unternehmen auf den chinesischen Markt. -Foto: Mike Wolff

Die chinesischen Shaolin-Mönche kamen in ihren orange-roten Roben nach Köpenick. Sie wollten aus dem Müggelturm ein Gesundheitszentrum machen. Mit Kompassen wanderten sie durch den Turm und über das dazugehörige Gelände und prüften die Lage. Schließlich überlegten die Mönche es sich anders und suchen nun nach einem anderen Standort. Im Müggelturm stimmte das Feng-Shui nicht – die Einwirkung der Umgegend auf das Gebäude.

„Das ist ganz wichtig für Chinesen“, berichtet die Treptow-Köpenicker Bürgermeisterin Gabriele Schöttler. Sie ist derzeit auf Einladung der chinesischen Industrie- und Handelskammer in China unterwegs, um dort nach Investoren zu suchen. Schon als Arbeitssenatorin hat sie Erfahrung mit chinesischen Wirtschaftspartnern gesammelt. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Berlin und China werden immer intensiver. Auch Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linkspartei) wird am Sonntag nach Fernost reisen, um dort Werbung für den Standort Berlin machen.

Zurzeit sind bei der Industrie- und Handelskammer Berlin rund 200 von Chinesen geführte Unternehmen registriert. Bislang sind es allerdings hauptsächlich kleinere Firmen. „Die chinesischen Unternehmer in Berlin sind oft nicht auf ein Gebiet festgelegt. Es kann sein, dass einer fünf Hektar in Brandenburg anmietet und Gemüse anbaut und ein Jahr später importiert er Porzellan“, sagt Christoph Lang von der Gesellschaft Berlin Partner, die für die Unternehmensförderung in Berlin und Außenhandelsbeziehungen zuständig ist. Noch ließen sich jedoch chinesische Geschäftsleute von den bürokratischen Hürden abschrecken, die es in Deutschland vor einer Firmengründung zu überwinden gelte, sagt Lang: „Sie müssen ein Mindesteinkommen von 85 000 Euro vorweisen und einen Businessplan vorlegen.“ Doch das Mindesteinkommen soll demnächst gesenkt werden. Und seit einem halben Jahr gibt es den „Business Immigration Service“. Hier bekommen ausländische Investoren schnelle Hilfe bei Visumangelegenheiten.

Ding Bangrui war der erste Chinese, der den neuen Service nutzte. Er baut eine Zweigstelle für sein Unternehmen auf, das flammenhemmende Kunststoffe vertreibt. Von Unternehmern wie Ding profitiert Berlin: „Sie brauchen Dienstleistungen, die sie hier einkaufen“, sagt Lang von Berlin Partner. Der chinesische Unternehmer spricht zum Beispiel kein Deutsch – also beschäftigt er Berliner als Übersetzer.

Das Interesse chinesischer Investoren werde größer, sagt Lang. Derzeit liefen bereits Verhandlungen mit 20 Unternehmen. Während die Chinesen sich also gerade erst in Richtung Berlin in Bewegung setzen, haben die Berliner in China schon seit längerem Fuß gefasst. Berliner Unternehmen haben auf dem chinesischen Markt im Jahr 2006 Produkte im Wert von 373 Millionen Euro abgesetzt. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Absatz damit fast versechsfacht. Und der Trend verstärkt sich noch. In den ersten sieben Monaten 2007 hat sich die Ausfuhr aus Berlin um über 45 Prozent zum Vorjahreszeitraum gesteigert. Aber auch die Importe haben sich vervielfacht: Produkte für 429 Millionen Euro wurden eingeführt. 1996 waren es noch 82 Millionen Euro.

„Der chinesische Markt ist mit Sicherheit nicht einfach, aber hochinteressant“, sagt Lang. „Als deutsche Firma braucht man dort Zeit und einen langen Atem“, sagt eine Sprecherin der Dussmann- Gruppe. Schon 1995 hat das Unternehmen begonnen, Niederlassungen zu gründen, die sich auf Gebäudemanagement spezialisieren. Auf schwarze Zahlen im ersten Jahr dürfe man sich dort nicht einstellen, sagt die Sprecherin. Inzwischen hat die Firma aber einen langen Atem bewiesen und neun Filialen eröffnet. Für das weltweit operierende Unternehmen sei China ein wichtiger Wachstumsmarkt „mit Potenzial nach oben“, sagt die Unternehmenssprecherin. Sie ist von den Möglichkeiten dort begeistert: „Das wird sich enorm entwickeln und noch richtig abgehen.“

Auch für die Firma Gerb war der „Schritt nach China“ ein Erfolg. „Unser chinesisches Werk wächst von allen am schnellsten“, sagt Geschäftsführer Horst Schmidt. Die Berliner Firma hat sich auf die Neutralisierung von Schwingungen spezialisiert und ist weltweit in zwölf Ländern vertreten. 1985 hat sie an der Station Berlin-Gesundbrunnen ein Wohnhaus komplett auf Federn und Dämpfer gestellt, um es vor den Erschütterungen durch die U-Bahn zu schützen. Seitdem exportiert Gerb das Know-how in die Welt. In Peking haben sie beispielsweise ein Hochhaus isoliert, durch das eine U- Bahn-Linie verläuft. Auch Gerb ist bereits seit Mitte der 90er Jahre in China und war damit ein Vorreiter. „Da haben die Banker noch komisch geguckt und gefragt, was wir da wollten. Jetzt geben sie selbst Seminare zum chinesischen Markt“, sagt Schmidt amüsiert.

Mehr als 50 Berliner Firmen sind heute auf dem chinesischen Markt vertreten. Die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin betreibt zum Beispiel einen Flagshipstore in Schanghai. Und die Berlin Wasser International, eine Tochter der Berliner Wasser-Holding bringt ihr Kläranlagen-Know-how in die Volksrepublik. Inzwischen könnten sich die Chinesen ihre Investoren aussuchen, sagt Lang. Deswegen müssten neue Produkte schon überzeugend sein. Nach Einschätzung der Senatsverwaltung für Wirtschaft liegt die Chance für Berliner Unternehmen in China vor allem in der Umwelt- und Verkehrstechnik. Erfolgreich sind die Berliner aber auch auf dem chinesischen Filmmarkt. Die Firma Mental Images etwa verkauft ihre 3-D-Animations-Software, die auch für die amerikanische Matrix-Trilogie verwendet wurde, an chinesische Filmstudios. An der Universität Peking wird der Umgang mit ihren Programmen unterrichtet. Auch für das Kreuzberger Trickfilmunternehmen Cartoon-Film ist China ein wichtiger Kunde: Sein Film „Lauras Stern“ gewann vor kurzem einen Preis bei einem chinesischen Kinderfilmfestival. „Filme mit leisen Tönen, wie wir sie machen, kommen dem chinesischen Markt entgegen“, sagt Eigentümer Thilo Graf Rothkirch. Derzeit steht er in Verhandlungen mit dem Unternehmen Warner China Film für eine deutsch-chinesische Koproduktion: „Lauras Stern in China“.

Verschiedenste Entwicklungen schaffen gute Voraussetzungen für Investoren auf beiden Seiten: Der Ausbau der Infrastruktur im Zuge der Olympischen Spiele in Peking 2008 etwa. Im ganzen Land würden neue elektronische Kinos gebaut, um die Spiele auf Großbildleinwänden zu übertragen, sagt Rothkirch. Dadurch entstünden ganz neue Möglichkeiten für die Filmbranche – und ein viel größerer Markt für seine Filme.

Aber auch der Ausbau von Schönefeld zum Großflughafen BBI eröffnet neue Chancen: „Etwas besseres als Direktflüge kann uns gar nicht passieren“, sagt Bezirksbürgermeisterin Gabriele Schöttler. Der BBI werde ein wichtiger Standortfaktor, findet auch Lang. So können Investoren wie die Shaolin-Mönche ohne Umwege nach Berlin kommen. Dann muss nur noch das Feng-Shui stimmen.

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