Berlins älteste Stiftung : Nächstenliebe statt Vereinsamung

Das Hospital zum Heiligen Geist ist Berlins älteste noch bestehende Stiftung. An der Bedeutung von Werten wie Nächstenliebe und Nachbarschaftshilfe hat sich in den Jahrhunderten wenig geändert.

Susanne Thams
Muntere Runde.
Muntere Runde.Foto: Rückeis

Bis ins Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung Berlins geht die Geschichte des Hospitals zum Heiligen Geist zurück. Eigentlich als Unterkunft für Reisende gedacht, wurde es 1244 gegründet – und ist damit die älteste noch bestehende Stiftung in der Hauptstadt. Es sollte Pilger beherbergen, die auf dem Weg ins gelobte Land am Kloster in Spandau vorbeikamen. Aber aus der Not heraus wurde die Nutzung bereits Anfang des 13. Jahrhunderts geändert. Denn mit dem Wohlstand waren in der Kaufmannssiedlung am Zusammenfluss von Havel und Spree auch „die Siechen“, die Kranken, und die Gebrechlichen eingezogen.

So wurde im Hospital die Armenfürsorge untergebracht und in Spandau entstand die erste Wohlfahrtseinrichtung. Eine Kirchenvisitation aus dem Jahr 1567 hielt die Aufgabe des Hospitals später so fest: „Dass die Vorsteher des Hospitals in sterblichen Zeiten, auch sonst die armen Gebrechlichen von der Gasse ins Hospital nehmen und unterhalten sollten.“

Gebrechlich ist Charlotte Weihmann trotz ihrer 86 Jahre nicht. Sie zog 1991 aus der Nähe von Leipzig in das Seniorenwohnhaus, das die Stiftung Hospital zum Heiligen Geist heute unterhält. Durch eine Bekannte erfuhr sie, dass eine der 95 Ein- und Zweiraumwohnungen zur Miete frei stand. Etwa 100 Senioren im Alter zwischen 60 und 92 Jahren teilen sich im in den beiden mehrgeschossigen Bauten in der Marschallstaße einen Waschkeller und, wenn sie Lust haben, wochentags auch die Zeit miteinander. Charlotte Weihmann nimmt gerne an den gemeinsamen Treffen teil und bringt ab und an einen selbst gebackenen Käse- oder Apfelkuchen in den Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss mit.

Seit der Reformation war das Hospital von einer Armenanstalt in eine Art Altenwohnheim für bedürftige, unverheiratete und unvermögende Mitglieder der Kirchengemeinde umfunktioniert worden. In der aktuellen Fassung ist festgehalten, dass das Wohnhaus der Stiftung „Alleinstehenden und Ehepaaren von über 60 Jahren, die eine besondere Anbindung an den Bezirk Spandau haben“ offensteht. Das Haus ist voll besetzt. „Langweilig ist es hier nie", sagt Charlotte Weihmann.

Auch der Standort des Hospitals hat sich im Laufe der Zeit geändert. Im Bereich des gegenwärtigen Rathaus Spandau entstanden im Mittelalter nach und nach das Wohnhaus des Hospitals sowie eine Kapelle, die für das seelische Wohl der Bettler und Bedürftigen sorgen sollte. Den heutigen Hospitalbewohnern steht Altenpflegerin Barbara Schneider mit Gesprächen bei Sorgen und Nöten im Alltag zur Seite. Seit 15 Jahren ist sie die gute Seele im Haus, die wochentags Spielerunden und Filmnachmittage organisiert. „Am liebsten sehen die Bewohner Psychothriller oder Komödien“, berichtet sie. Sie übernimmt auch die Einkäufe für die Bewohner, die das selber nicht mehr schaffen, und spielt Rommé, Canasta und Mensch-ärger-dich-nicht mit den Rentnern.

„Die Anstellung einer Altenpflegerin ist ein Extra, das die Stiftung den Bewohnern bieten kann und für das sie nicht zahlen müssen“, sagt Pfarrer Karsten Dierks von der evangelischen Kirchengemeinde in Berlin-Spandau, die die Stiftung verwaltet. Einmal im Jahr entscheiden er sowie der Bezirksbürgermeister, ein Stadtrat und ein Mitglied des Kirchengemeinderats im Kuratorium über die Belange der Stiftung. Die geistlich-weltliche Kooperation, wie sie sich noch in der Zusammensetzung des Kuratorium zeigt, prägt das Hospital schon bei seiner Gründung. Als Mitstifter werden in Überlieferungen der Probst des damaligen Nonnenklosters und die Spandauer Bürgerschaft genannt. Nachzuweisen ist das allerdings nicht mehr, die Stiftungsurkunde ging früh verloren. Belegt ist hingegen, dass die Nonnen des benachbarten Sankt-Benediktinerinnenklosters im Heilig-Geist-Hospital die Armenfürsorge und Krankenpflege übernahmen, während die Bürgerschaft mit Ablassbriefen, Schenkungen und Sammlungen die materielle Versorgung sicherten. Heute besteht das Stiftungsvermögen aus dem Grundstück und dem Haus. Die Erträge fließen in der Hauptsache in die Instandhaltung, Schönheitsreparaturen und Anschaffungen.

An der Bedeutung von Werten wie Nächstenliebe und Nachbarschaftshilfe in den Jahrhunderten wenig geändert. „Wenn ein Mieter länger nicht mehr gesehen wurde, geben die anderen sofort Bescheid und ich sehe dann nach dem Rechten“, sagt Altenpflegerin Barbara Schneider. Auch Spandaus Bürgermeister Konrad Birkholz (CDU), Mitglied des Stiftungskuratoriums, hebt die ideelle Bedeutung des Seniorenwohnheims hervor: „Dort ist Hilfe und Unterstützung besonders nachgefragt und diese traditionelle Einrichtung daher auch besonders wichtig.“ An die ursprüngliche Idee, Unterkunft zu bieten, hat sich die Stiftung stets treu gehalten. Gut aufgehoben waren die Bewohner des „Hospital zum Heiligen Geist“ zu jeder Zeit.

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