Wirtschaft : Berlins Umland ist noch lange kein wirtschaftlicher Selbstläufer

THORSTEN METZNER

Der dünnste "Speckgürtel" der Welt hat im Norden und Osten noch großeLöcherVON THORSTEN METZNER

Mit der Entfernung vom Magneten Berlin sinken nicht nur dieGrundstückspreise, sondern auch die Wirtschaftskraft - und dieArbeitslosigkeit steigt.Ein Gespenst geht um, das Schreckgespenst vom"Speckgürtel" um Berlin.Schon 1991 hatte der Potsdamer UmweltministerMatthias Platzeck davor gewarnt, daß die Millionenmetropole einmal "wie eindicker, pulsierender, wachsender, überquellender Hefeteig inmittenBrandenburgs" liegen könnte.Mit dieser "Horrorvision" eines Groß-Berlinbis zum Autobahnring stand Platzeck nicht alleine.Unter Stadtplanern, Ökologen, Politikern, Soziologen war die Befürchtungverbreitet, daß die - endlich nicht mehr durch eine Mauer gebremste -deutsche Hauptstadt sich wie vorher alle anderen Metropolen der Welt mitGewerbegebieten, Wohnsiedlungen und Shopping-Malls krakenhaft ins bis datogrüne Umland ergießen könnte.Mit der gescheiterten Länderehe imvergangenen Jahr sind solche besorgten Stimmen, besonders in Berlin, wiederlauter geworden.Mancheiner warnt sogar vor dem "Siedlungs- und Gewerbebreiin der grünen Lunge", der rings um die Stadt zu beobachten sei."Der Speckgürtel boomt", heißt es, aber bommt er auch wirklich? Die Theseklingt griffig, ist aber falsch."Es gibt noch keinen Speckgürtel", findetauch Patricia Schuster, Sprecherin im brandenburgischenWirtschaftsministerium.Und der Oranienburger Landrat Karl-Heinz Schröter(SPD) ergänzt: "Es wäre der dünnste Speckgürtel der ganzen Welt." Auch KarlBrenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsförderung (DIW) in Berlinbringt den bisherigen Trend auf eine bildhafte Formel."Auf dem MuskelBerlin bildet sich allenfalls ein leichter Film".Natürlich sind seit dem Mauerfall hinter der Stadtgrenze vieleGewerbegebiete, Wohnsiedlungen und Konsumtempel wie Pilze aus demmärkischen Sand geschossen.Zehntausende Berliner und Brandenburger pilgernregelmäßig zum Einkauf nach Waltersdorf, Trebbin, Eiche und Dallgow.Abergegenüber den einstigen Boomtown-Prognosen hält sich die Entwicklung inGrenzen.Und sie konzentriert sich - statt der befürchteten gleichmäßigen"Ausbreitung" der Millionenstadt - bislang fast ausschließlich auf denattraktiven Süden und Südwesten Berlins, mit Abstrichen auch noch auf Nauenund Hennigsdorf.Dagegen fallen der Osten und Norden noch immer deutlich zurück.So sindselbst Hamburger oder Münchener Verhältnisse noch lange nicht erreicht."Inmageren Zeiten kann nicht viel Speck wachsen", sagt Landrat Schröter."FürEuphorie besteht also noch kein Grund - aber für Panik natürlich auchnicht".Auch wenn das Berliner Umland "mit Sicherheit noch kein wirtschaftlicherSelbstläufer ist", wie Geschäftsführer Noto von der brandenburgischenWirtschaftsfördergesellschaft sagt, ist es in seiner Dynamik diebrandenburgische Wachstumsregion Nummer Eins.Oder, wie es der PotsdamerIHK-Hauptgeschäftsführer Peter Egenter formuliert: "Hier wird das Geldverdient." Nicht umsonst sind neue wirtschaftliche Leuchttürme Brandenburgsvor allem im Umland gebaut worden, ob Herlitz in Falkensee, BMW/Rolls-Roycein Dahlewitz, Daimler-Benz in Ludwigsfelde.Besonders der Adtranz-StandortHennigsdorf läßt ahnen, wie künftig einmal das ganze Umland aufblühenkönnte.Als einzige ostdeutsche Stadt kann die Gemeinde Hennigsdorf, vorden Toren Berlins, schon heute vom eigenen Steueraufkommen leben - ohneeine Mark an Schlüsselzuweisungen aus der Landeskasse.Mit der Entfernung vom Magneten Berlin, das entspricht dem generellenTrend, sinken freilich nicht nur die Grundstückspreise, sondern auch dieWirtschaftskraft; die Arbeitslosigkeit steigt.Dieses BrandenburgerWohlstandsgefälle zwischen Umland und Provinzen spiegelt auch die jüngsteArbeitsmarkt-Landkarte wider: Während die Quote im dynamischen SüdenBerlins nur zwischen zehn Prozent in der brandenburgischen Hauptstadt und13 Prozent im Gebiet um Zossen schwankt, klettert sie in den östlichen undnördlichen Randgebieten, etwa um Oranienburg, auf 16 bis 17 Prozent.Und inden Berlin-fernen Randregionen wie Prignitz, Lausitz und Uckermark wird die20-Prozent-Schallmauer durchbrochen: Perleberg 21,8 Prozent, Prenzlau 26Prozent, Senftenberg 24,9 Prozent.In der Auslastung der Gewerbegebiete finden sich die gleichen Relationen:Während sie bei Berlin nahe 100 Prozent erreiche, wie Landrat Schröterbestätigt, seien es in Gransee 80 Prozent, in Zehdenik 60 Prozent und imfernen Löwenberg nur noch 25 Prozent.In anderen Kreisen sieht es ähnlichaus.Die "beleuchteten Viehweiden" stehen meist dort, wo es wirtschaftlichbesonders dunkel ist in Brandenburg - in den armen Randregionen.Allerdings gibt es Ausnahmen.So sind im Gebiet um die FlämingkreisstadtBelzig, im tiefen Südwesten Brandenburgs gelegen, viele Gewerbegebiete "gutausgelastet", berichtet Lothar Koch, Landrat von Potsdam-Mittelmark.Undzwar so gut, daß der von Belzig bis an die Berliner Stadtgrenze reichendetypisch märkische Tortenstück-Landkreis mit rund 60 Prozent die höchsteGewerbegebietsauslastung des ganzen Landes vermeldet.Woran es liegt? "Wirkonnten die Gewerbegebiete frühzeitig nach 1990 auf den Markt bringen.Undsie wurden damals mit 90 Prozent gefördert", erklärt Ilsemarie Schulz,Geschäftsführerin der kreiseigenen Wirtschaftsfördergesellschaft.So habeman mit günstigen Preisen locken können."In Niemegk, an der Autobahngelegen, mit 25 DM für den Quadratmeter." Das Gewerbegebiet sei"knüppeldickevoll".Trotzdem, Potsdams IHK-Geschäftsführer Peter Egenterist überzeugt: "Die Berlin-Nähe bleibt spielentscheidend."Wie nun hat sich das Scheitern der Länderehe auf die Dynamik des Umlandesausgewirkt? Zwar werden von IHK und Unternehmerverband die neuen "Egoismen"zwischen den Ländern und die mangelnden gemeinsamen Initiativen beklagt,doch "bei uns im Kreis wäre es mit der Fusion nicht anders gelaufen", istsich Landrat Schröter sicher."Es ist deshalb kein Investor, der kommenwollte, nicht gekommen." Auch aus der länderübergreifendenLandesplanungsbehörde von Berlin und Brandenburg kommen gelassene Töne."Die Zusammenarbeit klappt", sagt Direktor Klaus Gebhard.Man ist sicheinig: Wirtschaft und Markt haben ihre eigenen Gesetze, die sich wenig umeine Landesgrenze scheren.Auch die zumindest in der Vergangenheit verfehlte FörderpolitikBrandenburgs hat ihre Spuren hinterlassen.Unter dem Leitbild derdezentralen Konzentration hat das Land seine Fördermittel auf dieRandregionen konzentriert - wenn Investoren in den Speckgürtel wollten,mußten sie sich mit geringeren Fördermitteln zufrieden geben.Inzwischensind die schlimmsten Auswüchse beseitigt: Zwar scheut sich die PotsdamerLandesregierung, offiziell, die vom Deutschen Institut fürWirtschaftsförderung (DIW) geforderte Kurskorrektur zu vollziehen.Hinterden Kulissen jedoch sind die Weichen längst auf eine verstärkteUmland-Förderung umgestellt, da man auf keinen Investor verzichten kann undwill.Der Belziger Landrat Lothar Koch hält den "hehren wissenschaftlichenGrundsatz" zwar noch immer für richtig.Aber Koch merkt in seinerKreiskasse wenig davon, daß sonderlich viel in die Randregionen gepumptwürde."Es fällt nur noch ein dünner Nieselregen."

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