Wirtschaft : Berlins Wirtschaftssenator über Aufenthaltsgenehmigungen für Ausländer (Interview)

Herr Branoner[in den Informationstechnologien feh]

Wolfgang Branoner ist seit November 1998 Wirtschaftssenator in Berlin. Der Verwaltungswissenschaftler ist Mitglied der CDU.

Herr Branoner, in den Informationstechnologien fehlen in Berlin rund 4000 Fachkräfte. Was tun Sie dagegen?

Das Problem kann man nicht dadurch erschlagen, dass man nur neue Leute ins Land holt. Wir fahren in Berlin daher eine Doppelstrategie: Zum einen setzen wir uns für mehr Aufenthaltsgenehmigungen für ausländische Experten ein. Das geplante Einwanderungsgesetz ist ein Schritt auf dem richtigen Weg. Mit den Experten holt man ja nicht nur Fachkenntnisse, sondern auch Wissen über andere Märkte ins Land. Das kann man in den USA gut beobachten. Zum anderen wollen wir die Ausbildungskapazitäten in diesen Bereichen ausbauen.

Wie können die Arbeitslosen in Berlin von der Nachfrage nach IT-Experten profitieren?

Wir haben schon vor einiger Zeit angefangen, die Arbeitslosen-Programme stärker auf den Bedarf bei den Informationstechnologien auszurichten. Das Landesarbeitsamt hat in einer bundesweit einzigartigen Initiative zusammen mit Berliner IT-Unternehmen ein entsprechendes Anforderungsprofil entwickelt, das die Qualifizierung in den Bereichen Verkauf, Technik und Netzwerkpflege umfasst. Ein Ergebnis dieser Aktion ist zum Beispiel, dass 50 bis 80 nach diesem Profil ausgebildete Leute im April in einem IT-Unternehmen anfangen werden.

Sie waren vor kurzem in dem Land, das als Dienstleistungsparadies schlechthin gilt: den USA. Wie sehen Sie Berlin, das ja oft als "Dienstleistungswüste" beschimpft wird, im Vergleich?

Das Bild von der Berliner Dienstleistungswüste stimmt nicht mehr. Mittlerweile sind wir zu einer Oase geworden, in der neue Ideen sprudeln. Wir haben bundesweit die höchste Quote an Unternehmensgründungen, die auf dem Markt bestehen bleiben und nicht gleich wieder eingehen. 75 Prozent davon kommen aus dem Dienstleistungssektor. Auch bei dem bundesweiten Existenzgründerwettbewerb "Start Up", bei dem junge Menschen ihre Geschäftsideen präsentieren, kommen in diesem Jahr überdurchschnittlich viele Teilnehmer aus Berlin.

Wo können wir noch von den USA lernen?

Der Kunde wird dort intensiver und besser betreut als bei uns, egal ob er ein Auto oder eine Jacke kauft. Generell ist in den privaten Haushalten und im Handel die Dienstleistermentalität weiter verbreitet als bei uns. Uns voraus sind die USA aber auch, was das gesellschaftliche Engagement der Unternehmen angeht. Partnerschaften zwischen Firmen und Schulen gibt es dort zum Beispiel viel häufiger als hier.

In welchen Bereichen liegen die Berliner Dienstleistungsunternehmen vorne?

Mit rund 60 Call-Centern ist Berlin in den letzten vier Jahren zu einer Hochburg in diesem Bereich geworden. Aber auch in der Software-Entwicklung stehen wir sehr gut da. In Berlin sitzen zur Zeit rund 1800 Software-Firmen. Ein Teil dieser Unternehmen ist zum Beispiel maßgeblich an der Entwicklung des neuen Telefonstandards UMTS beteiligt. Besonders viele Berliner Dienstleistungsanbieter finden sich auch in den Medien, im Handel, in der Medizin- und Verkehrstechnik.

Auf die Dauer brauchen die Unternehmen in der Dienstleistungsbranche die Verbindung zu Produktions- und Industriebetrieben. Wie kann man das in Berlin sicher stellen?

Das ist unsere Archillesferse, nicht nur in unserer Region. Wir haben aber schon einige Erfolge bei der Ansiedlung von Unternehmen aus diesen Bereichen erzielt. Dazu gehört zum Beispiel der Einstieg des Schweizer Schienenfahrzeug-Unternehmens Stadler bei Adtranz. Außerdem fördern wir den Ausbau von zukunftsorientierten und entwicklungsfähigen Produktionen, damit die Unternehmen mit den rasanten Entwicklungsgeschwindigkeiten Schritt halten können. Mittlerweile gilt ein Produkt ja oft mit einem Jahr schon als veraltet, in der Softwarebranche schon mit drei Monaten.

Beklagt wird häufig der deutsche Ladenschluss. Berlin hat schon vor einiger Zeit eine Bundesratsinitiative gestartet, um die Öffnungszeiten für den Handel deutschlandweit flexibler zu gestalten. Was ist daraus geworden?

Im Moment werden wir blockiert - die Entscheidung im Wirtschaftsausschuss des Bundesrates wurde am 23. März wiederum vertagt. Der Antrag auf Vertagung kam vom Bundesland Nordrhein-Westfalen. Anscheinend scheut man sich dort, genau wie in der Bundesregierung, das Thema vor den Landtagswahlen im Mai noch anzupacken. Nach unserem Antrag können die Geschäfte von Montag bis Sonnabend zwischen sechs und 22 Uhr offen bleiben. Der Sonntag bleibt dagegen außen vor. Mit Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner sprach Katharina Voss

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