Wirtschaft : Bernd Juds

Geb. 1939

Kerstin Decker

Wer einmal angefangen hat, eigene Transparente hochzuhalten, kann damit nicht so leicht wieder aufhören. Im Spätherbst 1960 traf er sie zum ersten Mal, im Januar 1961 wollte er mit ihr ins Kino gehen. Kino sei gut, sie müssten nur einen Umweg übers Hilton machen, sprach die Eingeladene. Eben war sie aus dem tiefsten Spreewald gekommen, und nun wollte sie schon ins Hilton? Dorthin, wo gerade der persische Ministerpräsident wohnte? Bloß etwas an der Garderobe abgeben, sagte das Spreewaldmädchen. Die Hilton-Garderobiere sprach aus, was auch ihm sofort aufgefallen war: Das ist aber doch… kein Mantel?! – Die junge Frau hatte nun einen Blick, der allen Hilton-Garderobieren der Welt das Mäntel-Definitionsrecht absprach. Bernd Juds fand seine Freundin sekündlich interessanter.

Die steckte die Garderobenmarke nicht ein, sondern gab sie ein paar jungen Männern mit schwarzen Haaren. Das waren ihre persischen Kommilitonen. Dann ging alles sehr schnell. Der persische Ministerpräsident Amini traf ein, die jungen Männer gaben die Garderobenmarke ab und bekamen den Nicht-Mantel dafür. Der Nicht-Mantel wurde eine persische Fahne ohne Krone. Also eine Anti-Schah- Fahne. Sie leuchtete zufrieden stellend. Doch schon griff die Polizei nach der Fahne, nach vierzig Persern – und nach Bernd Juds. Das ist der Rädelsführer!, bestimmte ein Polizist. Den späteren Abend verbrachte Bernd Juds statt im Kino im Knast und dachte über vieles nach. Über Spreewaldmädchen und Rädelsführerschaften. Bis eben war er ein unauffälliger Jura- und Publizistik-Student in Berlin gewesen. Aber sollten die Parolen, wegen derer man in den Knast geht, nicht von einem selber sein?

„Ah, Sie schon wieder!“, rief am nächsten Tag der Polizist vom Vorabend. – „Ich?“, antwortete Juds mit tiefer Befriedigung, „ich heute zum allerersten Mal!“ Denn diesmal hatte er ein eigenes Transparent mitgebracht: „Die Welt lebt besser ohne Amini und Walter Ulbricht.“ Den ersten Teil gegen ihren Ministerpräsidenten fanden die persischen Studenten großartig. Aber wieso Walter Ulbricht? – Weil man gegen alle Diktaturen sein muss. Das ist die Gerechtigkeit gegenüber den Diktaturen, fand Bernd Juds. Und widmete dieser Einsicht einen nicht unbeträchtlichen Teil seines Lebens.

Damals trug er halblange Haare, und von der Seite sah er ein wenig aus wie Mick Jagger. Er ist mit dem Spreewaldmädchen dann doch noch ins Kino gegangen. Bald hatte er noch einen zweiten Schutz-Ossi. Der hieß Rudi, war ebenfalls frisch geflohen und auch sehr empfänglich für Grundsätzliches sowie die Gerechtigkeit gegenüber allen Diktaturen. Er hatte ihn bei seiner Wirtin in Schlachtensee kennen gelernt. Am ersten Abend diskutierten sie lange über die Bibel. Bernd Juds fand, Rudi solle Sozialdemokrat werden wie er und fortschrittlicher Christ. Bernd war bereits ein fortschrittlicher Christ. Alle Nachrichtensendungen zeigten ihn eines Abends, wie er vor einem Polizeikordon stand und den Polizisten die Bibel ins Gesicht hielt. Auch weil in der Bibel sinngemäß steht: Du sollst keine Polizeikordons bilden gegen Wehrlose! Darin waren Rudi und er sich einig. Rudis Frau hat später geschrieben, Bernd habe sich sehr gekümmert, „damit Rudi nicht zugrunde geht in der Konsumwelt“. Andere sind noch weiter gegangen. Sie haben Bernd Rudis „geistigen Übervater“ genannt. Aber das, wusste Bernd Juds genau, stimmte gar nicht. Denn Rudi ist dann doch nicht Sozialdemokrat geworden, auch weil er so empfänglich war für Grundsätzliches. Rudi hieß mit Nachnamen Dutschke. Und als er tot war, fand die Trauerfeier in Bernd Juds Wohnung statt.

Wer einmal angefangen hat, eigene Transparente hochzuhalten, kann nicht so leicht wieder damit aufhören. Eine gesellschaftlich anerkannte Spezialform des Eigene-Transparente-Hochhaltens ist der Beruf des Journalisten. Ein „Zeit“-Redakteur fuhr extra von Hamburg nach Berlin zum Absolventen Bernd, stellte sich höflich vor und fragte nach, ob er nicht vielleicht Lust hätte, eine Redakteursstelle anzunehmen. Er, Bernd Juds, schreibe so „zeit“gemäß. Es folgten noch viele ähnliche Einladungen. Aber Bernd Juds konnte nie. Er gehörte zu den Menschen, die sich selber schon so viel Arbeit machen, dass sie unmöglich noch die Arbeit übernehmen können, die andere einem auftragen.

Das Transparent „Die Welt lebt besser ohne Amini und Walter Ulbricht“ übersetzte er fortan in große Ost-Europa-Reisereportagen, vor allem für den Rundfunk. Zu Rudi Dutschke hatte er immer gesagt, dass er nicht nur Gewalt gegen Personen, sondern auch Gewalt gegen Sachen ablehne. Aber für Spielzeugpanzer in DDR-Kaufhäusern machte er eine Ausnahme. Panzer-Knacken nannte er das. Jedes zerstörte Kriegsspielzeug erfüllte ihn mit tiefer Zufriedenheit. Das ist die Militanz der Pazifisten. Er ist nie erwischt worden.

In Bundeswehrkasernen schaute Bernd Juds nach, was Soldaten so lesen und fand heraus, dass es teilweise dasselbe war, was sie im Dritten Reich auch schon gelesen hatten. Das war kein guter Tag für die Bundeswehr; die Befunde schafften es bis in den Spiegel. Er wollte auch wissen, was Soldaten so singen – im „Dritten Reich“, bei der Bundeswehr, bei der NVA. Er fand bestätigt, was er vermutet hatte: Es war irgendwie das Gleiche, wobei die NVA besonders unangenehm auffiel.

Aber Bernd Juds konnte auch ein ganz unpolitischer Reisejournalist sein. Als er mit seiner Frau zum ersten Mal in die Türkei fuhr, sprach er kein Wort Türkisch. Am ersten Morgen blieb er lange weg. Zu viel geredet, erklärte er nachher seiner Frau. Auf Türkisch?, fragte sie. Auf Türkisch, antwortete er. Bernd Juds sprach zwölf Sprachen, schon aus Höflichkeit, denn man sollte Fremden in ihrer eigenen Sprache begegnen. Nur etwas begann den Reisenden Juds beim Reisen zu stören: Dass in einem Massenzeitalter alles so massenhaft auftritt, sogar Reisende. Er erfand den Tourismus- Aphorismus. Judssche Tourismus-Aphorismen handeln von deutschen Fünf-Sterne-Hotels, in deren Nähe fremdsprachige Dörfer liegen sollen und von den Lichtschächten ebensolcher Hotels, durch die man genau fünf Sterne sehen kann.

Irgendwann fand der Reiseschriftsteller als Kulturkritiker eine allerkleinste griechische Insel, die keine Fähre beachtete. Ohne fließendes Wasser. Ohne Heizung. Ohne alles. Ein Paradies, dachte Juds. Dann kam Tschernobyl und Bernd Juds war gerade auf seiner Insel. Nichts wurde mehr geerntet, die schon geschlachteten Lämmer nicht mehr gegessen. Die Reportage über seine allerkleinste Insel sollte eigentlich seine allergrößte werden – er hatte schon ganze Tonbänder voller Insel-Geräusche. Er machte die Reportage nicht fertig. Er fuhr nie wieder auf seine Insel.

Bernd Juds hatte erfahren, dass auch auf die letzten Fluchtpunkte kein Verlass ist. Also wurde er, was er doch immer schon war: ein Fluchtpunktekonstrukteur mitten in der beargwöhnten Wirklichkeit. Er richtete in Altersheimen Büchereien ein, er gründete in der Spreewaldstadt Lübben ein Museum und eine Mozart-Gesellschaft und eine Nachhilfe-für-Schüler-ohne-Bezahlung-Initiative in Berlin. Er half pakistanischen Familien. Seine Frau, das Spreewaldmädchen aus dem Hilton, erwog, sich am Telefon mit „Sozialamt Juds“ zu melden. Er übersetzte einen montenegrinischen Dichter, erstens, weil das sonst keiner machte, und zweitens, weil der Dichter Aphorismen dichtete, die Juds noch viel schöner fand als seine eigenen: „Aus einem Käfig habe ich noch keinen Nachtigallengesang gehört – und möchte ihn auch nicht hören.“

Dass er Krebs hatte, nahm er als Kampfansage. Wenn schon, dann stirbt er am Leben, aber nicht am Krebs! Am Tag vor seinem Tod erfuhr er den Zwischenstand: Er hatte gewonnen. Der Feind in seinem Körper war auf dem Rückzug. Am Abend erklärte er dem Jugendradio Fritz alles Wissenswerte über Wiederauferstehungen. Vor allem, dass er, der Christ Bernd Juds, nicht daran glaube. Und dass Beten eigentlich Handeln sei. „Paradise now!“, waren die letzten Radioworte des Radio-Mannes Bernd Juds. Ein 68er, noch immer. Am nächsten Morgen machte er die Fenster ganz weit auf, denn es ist unhöflich, den Frühling draußen stehen zu lassen. Bernd Juds dachte daran, dass er gleich in die Schweiz fahren würde. Er hatte Felix Mendelssohn-Bartholdy als Schweiz-Maler entdeckt. Außerdem war er gerade dabei, der Gegenwart zwei längst vergessene Romantiker zurückzugeben. Der Frühling ist die richtige Jahreszeit für Wiederentdeckungen. Augenblicke später war Bernd Juds tot. Eine Überdosis Leben?

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