Wirtschaft : Bernd Otto Trewendt

(Geb. 1946)||„Ein wunderbarer Mann, aber auch so kompliziert.“

Tatjana Wulfert

„Ein wunderbarer Mann, aber auch so kompliziert.“ In der Nacht zum 21. August 1968 fahren die Panzer des Warschauer Paktes in Prag ein.

Es sind Sommerferien. Bernd ist auf dem Heimweg mit Richard und Reinhard, sie kommen aus Bulgarien, fahren durch die Prager Altstadt mit ihrem großen, dunklen SIL, einer ausgemusterten sowjetischen Staatskarosse. Am Heck des Wagens der Aufkleber DDR, das erste D, das R durchgestrichen: Es bleibt ein D wie Dubcek. Eine Liste wird herumgereicht: „Wir fordern den sofortigen Abzug der Panzer.“ Sie unterschreiben. U-Haft. Verhöre. Richard und Reinhard beugen sich. Bernd bleibt stur. Exmatrikulation. Der hochbegabte Student, der bester Mathematiker der DDR in seiner Altersstufe wurde, den man zur Mathematikolympiade nach Moskau schickte, fährt von nun an Brot und Möbel durch Berlin.

Bernd bekommt eine Tochter, von Angelika. Angelika verlässt ihn 1974. „Fünf Jahre will ich auf dich warten“, sagt er traurig, „dann gehe ich.“ 1979 fährt er nach Bulgarien, hinunter an die griechische Grenze. Es regnet. Er hört das Bellen der Spürhunde. Rennt. Der Boden ist aufgeweicht. Die Hunde verlieren seine Spur, finden sie wieder, fassen ihn. Bernd sitzt in einem bulgarischen Gefängnis, dann in Cottbus. Zwei Jahre für versuchte Republikflucht. Er rasiert sich den Kopf, kommt dafür in Einzelhaft. Schöpft das Wasser aus der Kloschüssel. Horcht. Unverständliche Laute. Er beginnt zu verstehen: Springer von b1 nach c3, Turm von d1 nach d8. Geisterschach. Lange Partien mit Häftlingen ohne Gesicht. 1980 wird er freigekauft, er geht nach West-Berlin.

Bernd versucht es noch einmal mit der Mathematik, schreibt sich ein an der TU, glänzt. Doch er will sich niemandem mehr unterordnen, keinem Professor, keinem Arbeitgeber. Anzug, Krawatte, geregelte Urlaubszeiten? Nein! Er bricht das Studium ab. Fährt Taxi.

„Rechts sehen sie die Philharmonie, links den Potsdamer Platz.“ Bernd lenkt, erklärt, auf Russisch, Englisch, Französisch, Spanisch, die Touristen staunen, fragen, bekommen immer eine Antwort. Vorn im Wagen befestigt er ein Fach, darin Zigaretten, Stifte, eine rote Pappnase und ein Lachsack – für ängstliche und unruhige Kinder.

Das Taxi bringt genug Geld. Viel braucht Bernd nicht, drei kurze blaue Hosen, dreißig weiße Hemden, eine rote Regenjacke. Er wohnt mit Freunden in Ruhleben in einem kleinen Haus. Andere Freunde kommen, welche aus Ost-Berlin, seine Tochter auch, Enkelkinder. Der Platz wird enger. Es ist schön.

Nach und nach finden alle eigene Wohnungen. Bernd bleibt zurück. Die Leute unter ihm hören unverständliche Laute. Er lernt Arabisch.

1989 zieht seine kranke Mutter zu ihm. Bernd pflegt sie, jahrelang, bis zum Ende. Die Frau, die ihn täglich mit dem Rohrstock geschlagen hat.

Barbara, seine Freundin, verlässt ihn. „Bernd, Du bist ein wunderbarer Mann, aber auch so kompliziert“, schreibt sie auf eine Postkarte, beigelegt einem Geschenk, einer zwölfbändigen Kantausgabe. In fast allen seiner unzähligen Bücher liegen Zeitungsausschnitte, Notizen an den Rändern. Lesen, Nachschlagen, Wissen, allein in seiner Wohnung, die dunkel ist und ordentlich, alle Dinge an ihrem Platz, unverrückbar, von einer dicken Schicht aus Staub bedeckt.

Dann ein Schlaganfall. Bernd blättert in einem Buch, starrt hinein, stellt das Buch wieder ins Regal.

Selten empfängt er Besuch, selten geht er hinaus, hin und wieder ins Kino. Filme, darüber kann er sprechen, lange, als sei er dann ein anderer, eine Figur, ein Schauspieler.

Bernd besitzt eine Maske, eine Doris-Dörrie-Männer-Affenmaske. Manchmal holt er sie hervor, verbirgt sein Gesicht dahinter, springt bedrohlich und lachend vor seine staunenden Freunde.

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