Wirtschaft : Bert Flossbach im Gespräch: "Die Eintagsfliegen der New Economy sind tot"

Die Wirtschaftswoche titelte am 22. April mit der

Bert Flossbach (39) bietet seit 1999 gemeinsam mit seinem Partner Kurt von Storch Vermögensverwaltung auf eigene Rechnung an. Sie managen für reiche Kunden Aktien-Fonds und Einzeldepots. Wer 50 Millionen Euro mitbringt, dem wird vom so genannten Family Office das zeitaufwändige Geldanlegen und -verwalten komplett abgenommen. Das Unternehmen gilt inzwischen als eine der Topadressen der Branche. Flossbach verfügt über langjährige Erfahrung bei der Verwaltung großer privater und institutioneller Vermögen, die er zwischen 1991 und 1999 bei der Investmentbank Goldman Sachs sammelte. Zuvor arbeitete der promovierte Betriebswirt bei der Matuschka Gruppe in München.

Die Wirtschaftswoche titelte am 22. April mit der Schlagzeile: "Der Bulle ist tot". Sie haben die Seite gerahmt und aufgehängt. Warum?

Das war ein Volltreffer. An dem Tag haben die Märkte ihr Tief erreicht. Das ist kein Zynismus. Schlagzeilen sind wichtige Indikatoren auf der Suche nach dem Boden.

Anlegermagazine feierten Fondsmanager als die Helden der neuen Zeit. Wer vor übertreibungen warnte, wurde belächelt. Spüren Sie nach dem Crash an den Wachstumsbörsen eine gewisse Schadenfreude?

Nein, das wäre übertrieben, zumal wir seit September vergangenen Jahres auch die Rückschläge gespürt haben. Genugtuung spüren wir aber insofern, als die Berwertungsmaßstäbe, die wir uns über Jahre erarbeitet haben, nicht plötzlich alle falsch sind, wie man vor einem Jahr dachte. Bewertung zählt: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und andere Bewertungskennzahlen spielen eine wichtige Rolle, zumindest langfristig.

Haben die Kurt Ochners der Fonds-Branche der Aktienkultur geschadet?

Der Trend zum Aktiensparen artet mitunter, wie man am Neuen Markt beobachten kann, in wüster Spekulation aus. Ich will nicht einzelne Portfoliomanager verunglimpfen. Aber es gab Exzesse, an denen Fondsmanager, Unternehmer und Investoren beteiligt waren. Die braucht es ja auch, um die Kurse auf solche Höhen zu bringen. Auch die Presse hat dazu beigetragen, das Feuer weiter zu schüren und die Leute heiß zu machen. Die vielen Zeitschriften, die vergangenes Jahr neu auf den Markt kamen, kämpfen alle um Auflage und müssen reißerische Geschichten verkaufen. Der Neue Markt war ein willkommenes Spielfeld für viele Journalisten. All das zusammen hat dann zu diesem Auswuchs geführt. Ich glaube allerdings nicht, dass das der Aktienkultur geschadet hat, und die Leute sich von Aktien abwenden.

Bereinigt sich der Markt jetzt?

Die Eintagsfliegen der New Economy sind tot: Unternehmen mit Geschäftsmodellen, die völlig verrückt waren, sind vom Markt verschwunden oder wurden aufgekauft. Bei den meisten Unternehmen, die am Neuen Markt notiert sind, ist das Geschäftsmodell der Börsengang gewesen. Das heißt, die Firma hat nicht nach einer Finanzierung gesucht und die Börse gefunden, sondern die Unternehmer haben nach einer Möglichkeit gesucht, schnell Geld zu machen und haben die Situation ausgenutzt.

Was war Ihre größte Enttäuschung?

Auch wir haben über Investitionen in die klassischen Technologieaktien gelitten, vor allem in diesem Jahr. Als wir Cisco bei 35 Dollar kauften, glaubten wir, einen sehr smarten Zeitpunkt gewählt zu haben. Wir haben nicht damit gerechnet, dass die Aktie noch auf 13 Dollar fällt. In der Retrospektive kann man drei große Probleme erkennen: Die Liberalisierung des Telekom-Sektors, die zu gigantischen Auswüchsen bei den Investitionen führte, den Dot.com-Boom und das Jahr 2000, das einen Sonderinvestitionsboom auslöste. Deshalb hatten viele große Technologieunternehmen bis in den Herbst hinein volle Auftragsbücher und steigende Aktienkurse. Die Delle im März 2000 haben wir gar nicht so gespürt. Die Portfolios, die wir managen, erreichten im September ihre Höchststände. Im Herbst hat der Crash dann auch die klassischen Werte wie Cisco und Nortel erfasst.

Wann werden sich die Papiere erholen?

Das hängt extrem stark vom Unternehmen ab. Cisco zum Beispiel sollte man auf dem aktuellen Niveau nicht mehr verkaufen. Firmen, die Weltmarktführer sind, oder Unternehmen, die über saubere Bilanzen verfügen, sollte man halten. Auch Texas Instruments und SAP stehen gut da. Diese Aktien besitzen mit Sicherheit Erholungspotenzial. Seit den Tiefstständen sind die Kurse schon um gut 50 Prozent gestiegen. Teilweise haben sich die Aktien sogar verdoppelt. Anleger müssen jetzt aber Geduld aufbringen.

Der Crash hat viele Anleger verunsichert. Sollen sie weiter auf Unternehmenstitel setzen?

Gemessen an den etablierten Indizes - mit Ausnahme der Nasdaq - ist eigentlich nichts Schlimmes passiert. Deshalb kann man auch nicht behaupten, dass Aktien jetzt out sind. Es ist ja nicht so, dass die Leute jetzt auf riesigen Verlusten sitzen - wenn sie nicht wild spekuliert haben. Zocker spüren schon einige Ernüchterung. Vorher konnten sie den Hals nicht voll kriegen, und nacher hatten sie das zerschlagene Porzellan auf dem Tisch. An der Börse wechseln Gier und Angst einander ab. Es gibt diesen spekulativen Typen, der muss da immer mitmachen. Und es gibt den klassischen Altersvorsorger, der über einen Sparplan jeden Monat einen festen Betrag investiert. Der muss an seiner Strategie nicht zweifeln.

Gegenwärtig scheint die Talfahrt gestoppt. Wie geht es an der Börse weiter?

Ich glaube nicht, dass wir dieses Jahr ein tolles Aktienjahr bekommen. Dax oder S & P-500 werden kaum mit plus 15 oder 20 Prozent schließen. Sie müssen noch ein gutes Stück zulegen, damit überhaupt ein Plus vor dem Komma steht. Es spricht aber einiges dafür, dass wir die Tiefpunkte gesehen haben. Das überzeugendeste Argument ist kurzfristig die enorme Kasse bei den institutionellen Investoren, die nur darauf warten, ihr Geld anzulegen. Langfristig werden wir in den nächsten Jahren ein Kurspotenzial in Höhe des Gewinnwachstums der Unternehmen haben. Bei guten Unternehmen können Anleger mit acht bis zehn Prozent Gewinnzuwachs rechnen. Hätte man vor einem Jahr von acht bis zehn Prozent pro Jahr gesprochen, hätten einen die Leute ausgelacht. Das war der Tagesgewinn!

Wieviel Prozent sind in diesem Jahr realistisch?

Die Gretchenfrage ist die Konjunkturentwicklung. Zwei Punkte sind hier entscheidend. Erstens der US-Verbraucher, der hochverschuldet ist und eine Sparquote von null hat. Der kann seine Konsumausgaben kaum noch steigern. Zweitens die Technologieinvestitionen, die stark nachgelassen haben. Beide haben eine sehr große Bedeutung für die Wirtschaft. Von ihnen hängt ab, ob wir noch einmal eine Runde Horrormeldungen bekommen. Das könnte zum Beispiel im Juni der Fall sein, wenn die Unternehmen ihre Quartalszahlen ankündigen oder im Juli, wenn sie einen Ausblick auf das zweite Halbjahr geben. Die Nachrichten werden darüber entscheiden, wieviel Potenzial der Markt noch hat. Eines ist sicher: Die Indizes werden bis Jahresende nicht schnurstracks 20 oder 30 Prozent nach oben laufen. Wir werden immer wieder Rückschläge erleben.

Was gefährdet dieses Szenario?

Hin und wieder wird das Wort Stagflation in den Mund genommen. Dieses Phänomen gab es zuletzt Anfang der achtziger Jahre: Niedriges Wirtschaftswachstum bei gleichzeitig hohen Rohölpreisen, hoher Inflation und hohen Zinsen war Gift für die Börse. Das werden wir in dieser Form bestimmt nicht wieder erleben. Wenn sich aber die Inflationsentwicklung, die derzeit alles andere als gut ist, nicht normalisiert, haben die Notenbanken kaum noch Zinssenkungsspielraum. Die Europäische Zentralbank hat ja schon gesagt, sie kann die monetären Zügel nicht lockern. Die Hoffnung, dass US-Notenbankchef Alan Greenspan weiter die Zinsen senkt, wird sich dann als zu optimistisch erweisen - trotz schlechter Wirtschaftszahlen. Dieses Risiko preist der Markt im Moment definitiv nicht ein.

Wie gross ist die Gefahr?

Wir sehen uns mit Argusaugen alle Daten an, die für die Inflation relevant sind. Die Lohnzuwächse und die Nahrungsmittelpreise waren zuletzt unverhältnismäßig hoch. Hinzu kommt die Energieproblematik in Amerika. Wenn es Einmaleffekte sind, guckt der Markt gerne mal darüber hinweg. Klettern die Preise aber von Quartal zu Quartal, muss der Realzins, der momentan unter zwei Prozent liegt, steigen. Das wird bei Renten und Aktien zu Kursverlusten führen.

Ist in einem solchen Markt die klassische Buy-and-Hold-Strategie, also das Kaufen und Halten von Aktien, noch sinnvoll?

Buy and Hold ist tot. Das funktioniert nur noch ganz selten. Texas Instruments zum Beispiel hat sich versechsfacht, um dann diesen völlig verrückten Zuwachs zu 90 Prozent wieder abzugeben. Früher hat Microsoft in einer Korrektur nur 20 Prozent abgegeben. Gilette und Coca Cola sind Beispiele dafür, dass selbst bei klassischen, stabilen Wachstumsunternehmen Buy and Hold nicht mehr klappt. Bei Zyklikern hat es nie funktioniert. Mit Thyssen konnten sie nie ein Buy-and-Hold-Konzept verfolgen.

Die wenigsten Investoren sind mit Spekulationen auf Internet-Aktien reich geworden. Was ist das Geheimnis überdurchschnittlichen Erfolgs an der Börse?

Wenn man die Prämisse gelten lässt, dass in den nächsten Jahren das Gewinnwachstum der Unternehmen das Kurswachstum der Aktien definiert, gibt es zwei Möglichkeiten, den Markt zu schlagen: Zum einen sind größere Gewinne möglich, wenn man in stärker wachsende Bereiche wie Technologie, Kommunikation, Pharma oder Life Science investiert. Zum anderen kann man Firmen kaufen, deren Kurs aufgrund einer Wachstumsdelle extrem stark gefallen ist - zum Beispiel Roche, deren KGV von 25 auf 15 zurückgegangen ist. Von dieser Basis aus haben die Aktien ein Kurserholungspotential: Wenn das KGV steigt, entwickelt sich der Kurs wesentlich stärker als die Gewinne.

So macher leidgeprüfte Investor wird aber sagen: "Nie wieder Technologie!" Ist das eine kluge Entscheidung?

Auch in den nächsten zehn Jahren werden Technologieaktien aufgrund des größeren Gewinnwachstums stärker zulegen als der Markt. Wichtig ist, auf die Marktführer zu setzen. Viele Firmen aus der zweiten Reihe stehen nach einem Mega-Crash nicht mehr auf. Wer erinnert sich heute noch an PC-Hersteller wie Commodore oder die Softwarefabrik Lotus? Heute wird diskutiert, wie lange Lucent Technologies seine Rechnungen noch bezahlen kann.

0 Kommentare

Neuester Kommentar