Wirtschaft : Bertelsmann AG: Mit Reinhard Mohns Segen an die Börse

Reinhard Mohn, Gründer der Bertelsmann AG, hat feste Grundsätze. Damit hat sich der 79-jährige Patriarch einen Platz in der deutschen Unternehmensgeschichte gesichert. Seit der Drucker Carl Bertelsmann 1835 in der ostwestfälischen Provinz einen ersten Verlag aufbaute, haben seine Nachfahren und die des eingeheirateten Bertelsmanns Heinrich Mohn die Zügel weitgehend selbst in der Hand behalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute Reinhard Mohn das Unternehmen neu auf; mit seinen Buchclubs konnte er ebenso vom Lesefieber profitieren wie als Verleger von Zeitschriften und Taschenbüchern. Frühzeitig beteiligte er seine Mitarbeiter am Erfolg und entwickelte eine Unternehmenskultur, mit der Bertelsmann zu einem weltweit führenden Medienkonzern aufgestiegen ist. Um das zu bewahren, schloss Mohn stets aus, dass anonyme Investoren einmal das Sagen bekommen würden. Ein Börsengang war für ihn tabu.

Doch die globalisierte Wirtschaftsordnung führte in den zurückliegenden Jahren in schneller Folge zu Fusionen, die immer größere Unternehmen schufen. Der Siegeszug des Internet verhalf Start-Ups zu erstaunlichen Erfolgen. America Online war ein Musterbeispiel dafür und Bertelsmann hatte sich frühzeitig daran beteiligt. Thomas Middelhoff, jüngstes Vorstandsmitglied, setzte sich sehr für die Allianz mit AOL in Europa ein. Erfolge machten ihn zum Kandidaten für den Vorstandsvorsitz, den er im November 1998 auch übernahm.

Ein Jahr später kam er zu Reinhard Mohn mit der Idee, ganz Bertelsmann mit AOL zu fusionieren. Sein Freund, AOL-Chef Steve Case, hatte ihm den Vorschlag gemacht, beide Unternehmens passten bestens zueinander. Doch erstens hatte Bertelsmann keine Aktien, die es gegen AOL-Anteile hätte tauschen können und zweitens war der Börsenwert des Online-Anbieters so gestiegen, dass Bertelsmann der Juniorpartner geblieben wäre. Mohn lehnte ab. Nur ein Jahr später scheute sich der 79-Jährige nicht, seine Grundsätze zu überprüfen und umzudenken. Ein gutes Geschäft hatte ihn überzeugt. Über mehrere Fusionen und Allianzen hatte Bertelsmann die unternehmerische Führung an Europas größter TV- und Radio-Holding RTL Group erreicht - mit nur 37 Prozent der Anteile. Doch die Mehrheit war das Ziel, und der nächstgrößte Gesellschafter Albert Frère dachte nicht daran zu verkaufen.

Middelhoff und Mohn haben es dennoch geschafft: Frère hat seine 30 Prozent an RTL getauscht - gegen 25,1 Prozent an der Bertelsmann AG, und die darf er ab 2004 an die Börse bringen. Damit hat Middelhoff die satte Mehrheit von 67 Prozent an der RTL Group und den Segen Reinhard Mohns dazu. Die nächsten Schritte sind absehbar: Bertelsmann wird bei der RTL Group die neue Mehrheit kraftvoll einsetzen. Das bedeutet neue Zukäufe. Middelhoff erhält sich den Spielraum für die Erweiterung des Konzerns. Und Reinhard Mohn hat Mut zur Korrektur demonstriert.

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