Wirtschaft : Bertelsmann AG: Reinhard Mohn bricht sein Tabu

Henrik Mortsiefer

Und er bewegt sich doch: Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn hat den Weg zum Börsengang frei gemacht. Viele, vor allem Vorstandschef Thomas Middelhoff, haben lange auf dieses Signal gewartet. Denn die Börse war für Mohn stets tabu. Dass diese Abstinenz von den Kapitalmärkten sinnvoll sein kann, bewies Mohn mit dem Hinweis auf die lange Tradition der Gütersloher Unternehmenskultur und die Erfolgsgeschichte des Medienunternehmens. Vom christlichen Liederbuch-Verlag zum global vernetzten Konzern - Mohn bürgte für diesen Aufstieg aus der Provinz an die Weltspitze.

Doch die Luft ist dort oben merklich dünner geworden für die Bertelsmänner. Middelhoff hat dies im operativen Geschäft stärker gespürt als Mohn, der im Hintergrund die Fäden zog. Seit mehr als fünf Jahren profiliert sich der Vorstandschef als Manager der Internet-Wirtschaft deutscher Prägung. Er kämpfte dabei an zwei Fronten: Gegen die Traditionalisten im eigenen Haus, aber vor allem gegen die mächtigen Rivalen im Mediengeschäft, die sich laufend mit frischem Kapital an den Börsen versorgen konnten, um ihre aggressive Expansion zu finanzieren. Middelhoff musste improvisieren. Beteiligungen an börsennotierten Unternehmen wie Pixelpark, Barnesandnoble.com oder Napster rückten Bertelsmann zwar näher an die Märkte. Einen wirklichen Zugang zu den Geldquellen der Globalisierung fanden die Gütersloher nicht. Als ein Zusammengehen mit dem Internet-Konzern AOL in greifbare Nähe rückte, aber am Veto Mohns scheiterte, war die größte Schwäche des Traditionsuternehmens offenkundig. AOL griff nach Time-Warner und wurde zum weltgrößten Medienkonzern. Das dürfte auch dem Gründer Mohn nicht gefallen haben.

Besonders augenfällig wurde das Defizit im Fernsehgeschäft. Der Sprung ins internationale, das heißt amerikanisch dominierte TV-Geschäft blieb bisher aus. Mit dem jetzt eingeleiteten Börsengang auf Raten scheint auch dieser Weg geebnet. In drei Jahren könnte Bertelsmann ein Börsen-Schwergewicht sein. Das "Powerhouse" aus Gütersloh und der überraschend bewegliche Senior Reinhard Mohnhaben sich am Montag fit für die Zukunft gemacht.

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